Mathilda Savitch, die jugendliche Protagonistin und Ich – Erzählerin, lebt in schwierigen Zeiten. Gerade inmitten ihrer Pubertät, muß sie den Tod ihrer älteren Schwester Helene, die ein Jahr zuvor unter einen Zug geraten war, und den völligen Zusammenbruch des familiären Lebens verarbeiten. Denn ihr Vater, ein Schatten seiner selbst, ist kaum noch greifbar, die Mutter konsumiert Fernsehprogramm und Alkohol gleichermaßen unkontrolliert, daß Mathilda und ihre Trauer kaum noch wahrgenommen werden. Seinem Charakter entsprechend tut das Mädchen alles, um von den Eltern beachtet zu werden : offensiv und direkt, nicht selten aggressiv provoziert es die Mutter, trägt zum Beispiel ein Kleid der verstorbenen Schwester oder spielt alte Tonbandaufnahmen mit Helenes Stimme ab, ohne allerdings mehr als noch größere Verstörung zu erreichen. Mathilda ist der festen Überzeugung, ein unbekannt gebliebener Mann habe die Schwester auf die Geleise gestoßen, und überlegt sich Möglichkeiten, diesem auf die Spur zu kommen. Anhaltspunkte bieten an ihre Schwester gerichtete Briefe und ausgedruckte e-Mails, die Helene in ihrem Zimmer versteckt hatte, doch um handeln zu können, braucht Mathilda Zugang zu Helenes durch ein Passwort geschütztes Postfach. Doch auch anderes beschäftigt Mathilda : erste erotische Irritationen stellen sich ein und erschweren das Verhältnis zu ihrer besten Freundin Anna, für die sich auch der Nachbarsjunge Kevin interessiert, zudem werden die Vereinigten Staaten und andere Länder von einer jahrelangen Terrorwelle erschüttert, die vor etlichen Jahren mit den Anschlägen auf das World Trade Center begann, als Mathilda und ihre Freunde noch kleine Kinder waren. Inzwischen führen die USA Krieg, der ältere Bruder Annas ist als Soldat im Auslandseinsatz. Mathilda plant eine Art Überlebenscamp mit Kevin und Anna im Keller ihres Elternhauses, doch das Unternehmen geht gründlich schief. Nicht nur versucht Kevin, sich Anna zu nähern, ohne daß er abgewiesen wird, sondern das nur durch Lügen möglich gewordene Unternehmen treibt Mathildas Mutter zur Flucht und läßt auch Annas Mutter den Kontakt ihrer Tochter mit Mathilda bestmöglich unterbinden. Und so ist Mathilda auf sich gestellt, als es ihr eher durch Zufall gelingt, das Passwort zu Helenes e-Mail – Konto zu knacken. Neutrale Instanzen, Lehrer, eine Nonne oder ein Psychologe können das Mädchen entweder nicht erreichen oder werden grade in wichtigen Dingen von Mathilda belogen. Und so faßt Mathilda einen möglicherweise gefährlichen Entschluß : sie sendet eine Mail unter dem Namen ihrer Schwester an eine männliche Person, die häufig Liebesbriefe und e-Mails an Helene geschrieben hatte und als möglicher Täter in Frage käme. Doch Louis’ Antwort läßt vermuten, daß er vom Tod Helenes noch nicht erfahren hat. Mathilda erfragt die Adresse von Louis, und als ihr Vater sich bemüht, seine Frau wieder nach Hause zu holen, setzt sie sich in den Zug, um Louis aufzusuchen, ohne zu wissen, was sie am Ziel ihrer Reise erwarten wird…
Wer, wenn nicht ein Dramatiker, wäre in der Lage, einer ihm wegen des Alters wie des Geschlechts eher unvertrauten Person auch in einem Roman eine eigene, unverwechselbare und vor allem glaubhafte Stimme zu verleihen ? Victor Lodato, der bislang mehrere, zum Teil preisgekrönte Theaterstücke veröffentlicht hatte, ist dieses in seinem ersten Roman, wenn auch nicht ohne kleinere Abstriche, gelungen. Kaum zu verkennen ist ihre direkte Verwandschaft mit Holden Caulfield, dem pubertierenden Sechzehnjährigen aus Salingers „Der Fänger im Roggen“. Mathilda ist direkt, offensiv bis zur Aggression und in weiten Teilen des Buches ebenso kindlich wie es Salingers Protagonist im Jahre 1949 gewesen ist, und nur ebenso langsam wächst das Mädchen in die Welt der Erwachsenen hinein. Allerdings mischen sich in ihre kindlich – groben, meist aber pointierten Sätze immer wieder kleine poetische Bilder, die deutlich eher dem erwachsenen Autor Lodato als seiner vorlauten und durchaus lautstarken Ich – Erzählerin zu verdanken sind. Dennoch nimmt der Leser das selten als ein „Aus – der – Rolle – Fallen“ wahr, da er in einem gewissen Maße durch den vorherrschenden Tonfall desensibilisiert wird. Andererseits aber besteht die Gefahr, daß er durch den so erzeugten verbalen Druck und die unablässige Folge eher ungünstiger Entscheidungen der Protagonistin alsbald enerviert das Buch zur Seite legt. Dies allerdings ist kein Fehler, der dem Autor anzukreiden wäre, sondern ein Kernbestandteil des Charakters seiner Figur, um deren Innen – und Erleben es in diesem Roman vornehmlich geht. Jedoch treibt es der Autor an einer Stelle zu weit : der Leser assoziiert mit Mathildas Direktheit, ihrer Fähigkeit, verbal den Finger in offene Wunden zu legen, ihrer beinahe uneingeschränkten Rücksichtslosigkeit, relativ gerechtfertigt, auch ein großes Maß an Ehrlichkeit dem Leser gegenüber, an den sie sich als Ich – Erzählerin über weite Strecken hinweg direkt wendet. Doch erst mit der Hälfte des Buches wird, in einer eher beiläufigen Bemerkung, klar, daß dieser Erzählerin keineswegs wirklich zu trauen ist, daß sie den Leser – vielleicht sogar mehr als sich selbst – belügt. Natürlich ist auch das, sofern man gutwillig von einer Lüge gegenüber ihr selbst, einer Art rettenden bzw. tröstlichen Illusion ausgeht, ausgeht, ein unabdingbarer Bestandteil der Persönlichkeit und ihrer Probleme, mit der dramatischen Realität zurechtzukommen, doch das lange Zögern des Autors, auch nur kleine Andeutungen zu machen, könnte dazu verleiten, die gesamte Geschichte grundlegend in Zweifel zu ziehen, was sicherlich keineswegs der Intention des Autors entspräche. Denn auch das vollkommen subjektive Erleben einer Figur braucht vertrauenswürdige und verläßliche Koordinaten im Faktischen, sodaß deren Interpretation durch den Charakter nachvollziehbar bleiben. An dieser Stelle gerät noch eine Besonderheit des Buches in das Blickfeld : während die Figuren, die direkte Umgebung genau und präzise gezeichnet sind, ist der zeitliche wie auch der geographische Hintergrund eher verschwommen. „Mathilda Savitch“ läßt sich nämlich weder örtlich noch zeitlich genau einordnen. Lodato nennt zwar Ortsnamen wie „Little Falls“, „Corinth“ oder „Desmond“, aber die sind entweder gar nicht oder nicht in der behaupteten Nähe zueinander aufzufinden. So kann man zwar vermuten, man befinde sich im Staate New York, und die Biographie des Autors legt das nahe, doch spräche einiges auch dagegen. Betrachtet man die sporadischen Hinweise auf das aktuelle Geschehen in den USA und im Ausland, meist in den Überlegungen der Protagonistin oder bruchstückhaft in kleinen Ausschnitten aus aktuellen Nachrichtensendungen, scheint es sich bei der Zeit der Handlung eher um eine nahe, mögliche Zukunft als um die Gegenwart zu handeln. Den elften September – als Kindheitserlebnis auch Mathilda gegenwärtig – hat es durchaus gegeben, doch seitdem scheinen terroristische Anschläge nicht nur im Ausland, sondern eben auch in den USA ein beinahe regelmäßiges Ereignis zu sein. Die Bedrohung durch Terror wirkt dadurch um einiges realer, konkreter, sodaß sich auch Heranwachsende wie Mathilda damit ziemlich konkret und direkt auseinandersetzen müssen. So spekuliert das Mädchen über Motive und charakterliche Eigenschaften der Attentäter, aber auch eine der zentralen Szenen des Romans, das „Überlebenscamp“ im Keller von Mathildas Elternhaus ist nicht nur eine Gelegenheit, ihre wichtigsten gleichaltrigen Bezugspersonen an einem Ort zu versammeln, sondern scheint nicht unerheblich von den gesellschaftlichen Realitäten begründet. Dem Leser zumindest ist Anreiz geboten, den möglichen Verknüpfungen von gesellschaftlicher und familiärer Wirklichkeit ein wenig nachzuspüren. Das eigentlich dramatische Geschehen ist eher der Ausgangspunkt des Buches, der Tod von Helene, die verschiedenen Vorgänge, die dazu geführt haben könnten, an denen auch Mathilda selbst und ihre Mutter nicht unbeteiligt waren. So ist der Roman zwar keineswegs handlungsarm, aber in der äußeren Aktivitäten wenig dramatisch. Auch die innere Entwicklung Mathildes vollzieht sich eher graduell und behutsam, wenn auch mit einigen unliebsamen Erkenntnissen. Mathilda erreicht zum Ende der Geschichte ein immer noch filigran wirkendes Gleichgewicht, das am Ende eines psychisch aufwühlenden Trauerprozesses steht. Und da hier das Hauptaugenmerk des Autors liegt, kann man dem Roman bescheinigen, daß er weitgehend gelungen ist. Mathilda ist in all ihrer Verletzbarkeit und in ihrem verbalen Wüten mit Sicherheit ebenso beeindruckend wie berührend, die Geschichte ist klug und nachvollziehbar konstruiert, die Sprache präzise, authentisch anmutend und mit Könnerschaft eingesetzt. Meine kritischen Anmerkungen schmälern aber nur um weniges den positiven Gesamteindruck, den das Buch als Ganzes hat hinterlassen können. Allerdings steht zu vermuten, daß „Mathilda Savitch“ Potential hat, die Leserschaft zu polarisieren, stärker wohl als manch anderes Buch dieser Saison.
Ich danke dem C.H. Beck Verlag für das Überlassen eines Rezensionsexemplars.












Es ist Sommer im Jahre 2003, als ein heftiges Unwetter über Hessen zieht und besonders in Hanau eine Spur der Verwüstung hinterläßt. Die achtundsiebzigjährige Johanna Jansen, Mutter dreier erwachsener Kinder und auch einstige Pflegemutter ihres inzwischen auch erwachsenen Enkels, hat beschlossen, in ein Seniorenwohnheim zu ziehen, bevor noch das Nachlassen der körperlichen und geistigen Kräfte allzu kritisch werden kann. Und so plant sie ein Familientreffen, bei dem sie ihren Entschluß verkünden möchte. Allerdings haben ihre Kinder, der Enkel und ihr Lebensgefährte gerade ganz andere Sorgen. Janek, ein ehemaliger polnischer Kriegsgefangener, mit dem Johanna seit Kriegsende und dem Tod ihres Ehemannes offiziell zusammenlebt, hält sich in einem Hotelzimmer versteckt, um möglichst den ausgesandten Schergen eines Anbieters von illegalen Glücksspielen zu entgehen, die 90.000 Euro Spielschulden zu recht heftigen Maßnahmen veranlassen würden, könnten sie Janeks habhaft werden. Konrad, jüngster Sohn Johannas, hat andere Sorgen. Er, der seit Jahren mit der Diagnose Schizophrenie immer wieder in psychiatrischen Krankenhäusern behandelt wird, hat seine Medikation eigenmächtig abgesetzt und plant seine Flucht nach Amerika, behelfsweise nach Hause, denn dies scheint ihm denn doch realistischer als die Reise in das Land seiner Träume. Und sein Ausbruch gelingt, allerdings bricht er sich ein Bein und wird Johannas Wohnung nicht erreichen, Hanau aber immerhin schon. Und Johanna muß sich indes nicht nur mit dem Verschwinden Janeks, sondern auch dessen vermuteten Selbstmord auseinandersetzen. Denn sein Auto wurde mit Blutspuren verlassen aufgefunden. Was sie allerdings nicht weiß und bis zum Ende des Romans nicht erfahren wird, ist, daß Janek lebt, Johannas Enkel Ben bittet, ihm die fehlenden 90.000 Euro zu beschaffen. Der, ein wenig pflichtbewußter, hypochondrischer freier Journalist, verfügt selten über Geld, auf keinen Fall aber über die verlangte Summe. Und so beschließt er, seine Freundin Iris, die in einer Bank arbeitet, einzuspannen. Wider besseres Wissens und entgegen dem Rat seines Freundes Kaplan setzt er so die große Liebe seines Lebens unwiderruflich aufs Spiel, indem er nicht nur Iris’ Stelle gefährdet. Bens Loyalität Janek gegenüber ist jedoch ein wenig fragwürdig, denn der spielt längst sein eigenes Spiel. Unterstützung findet Johanna nirgendwo, denn ihre beiden älteren Kinder Helmut und Ulrike leben in ihren eigenen Katastrophen – Szenarien. Helmut, einst ein gesellschaftlich angesagter Tennislehrer, der das Partyleben und den Alkohol mehr als schätzte, ist inzwischen reichlich heruntergekommen. Geblieben ist ihm sein Egozentrismus, sein Hang zum Trinken und die Abneigung gegen seinen Sohn Ben, der einer kurzen Ehe entstammt, schnell im Heim landete und schließlich von Helmuts Mutter Johanna aufgezogen wurde. Helmut scheint sich zwar mit seinem jetzigen Leben arrangiert zu haben, aber als er Blut im Urin findet und eine Krebserkrankung anzuzeigen scheint, bricht die Fassade ziemlich widerstandslos zusammen. Helmuts Angst vor dem Tod macht aus ihm ein Häufchen Elend. Und Ulrike, etwas über 50 Jahre alt, verheiratet mit einem Manager, den sie gut unter ihrer Kontrolle wähnt, muß feststellen, daß ihr Mann sie betrügt. Nun gewinnt der andauernde Machtkampf mit ihrem Ehemann vollkommen neue Dimensionen, auch wenn ihre Angst vor dem Alter ihr gehörig zusetzt. Beruhigungsmittel, chirurgische Hilfe können nur unzureichend ihre Angst vor dem Alter und vor dem drohenden Kontrollverlust in der Ehe verdecken. Daß ihre gemeinsamen Kinder allerdings keineswegs den gepredigten bürgerlichen Idealen entsprechen, die ihr selbst eine vermeintliche Sicherheit boten, verdrängt sie erfolgreich. Stattdessen konzentriert sie sich darauf, den Willen ihres Mannes zu brechen – mit nicht immer einwandfreien Methoden. Dies alles sind keine guten Vorzeichen für Johannas Familienabend, der anders verlaufen wird als geplant und einen unerwarteten Abschluß findet….
Es geht Unerhörtes vor in der Justizvollzugsanstalt Isenbüttel, wie Hannes, eine Art kahlköpfiger, moderner Wegelagerer, und Clemens, ein Germanistikprofessor, der Studentinnen gute Examensnoten gegen Liebesdienste gewährte, beim Blick aus dem Zellenfenster feststellen können : Der Tournee – Bus der Landesbühne hat im Gefängnishof gehalten, ein Gastspiel wird gegeben. Angekündigt ist das Stück“Das Labyrinth“. Nach einer Rede des Gefängnisdirektors, in der er – pikanterweise aus einem Buch über die Epoche des „Sturm und Drang“ des Gefangenen Clemens zitierend – auf die Gültigkeit des Dramas auch für die Insassen hinweist, beginnt die Aufführung. In einer Pause, in der den Gefangenen ausnahmsweise ein Hofgang zum Rauchen erlaubt worden war, gelingt Hannes, Clemens und einigen anderen die Flucht, als sie den Bus des Theaterensembles kapern. Bis in das Örtchen Grünau, das gerade sein Nelkenfest feiert, geht die Fahrt. Die Flüchtigen werden prompt für Mitglieder der Theatertruppe gehalten, die nun das Fest kulturell bereichern sollen. Mit Gesang und einem Kabinettstückchen eines Bauchredners ziehen sie sich ungeahnt gut aus der Affäre. Doch Grünaus kulturbeflissener Bürgermeister plant schnell Größeres : mit Kultur will er das Renommee des Ortes verbessern, um Touristen und damit Einnahmen buhlen. Vor allem Hannes bestärkt ihn darin. Zwar gibt es immer wieder Situationen, in denen eine weitere Flucht nach Dänemark angeraten scheint, Polizisten streifen mißtrauisch durch den Ort, eine ehemalige Studentin Clemens’, die durch seine Prüfungen durchgefallen war und nun als Volontärin in der Zeitung des Örtchens arbeitet, hat ihren ehemaligen Professor erkannt und könnte ihn umgehend verraten, und selbst der Direktor des Isenbütteler Gefängnisses taucht während einer Veranstaltung unversehens auf. Dennoch bleiben die Geflohenen unbehelligt und setzen ihre kulturelle Arbeit fort. Clemens hält einige umjubelte Vorträge, einen davon auch zu seinem Spezialgebiet „Sturm und Drang“, Hannes kümmert sich eifrig um die Einrichtung eines Heimatmuseums, dessen Hausmeister und Leiter er schließlich wird. Kleinere Missetaten anderer Entflohener trüben kaum diesen unverhofften Frieden, doch letztlich traut man der Ruhe dieses Paradieses nicht wirklich über den Weg und beschließt, sich alsbald in Richtung dänische Grenze abzusetzen. Doch die angekündigte Ehrung der „Kulturschaffenden“ läßt sie dann doch zögern. Allerdings werden sie gleich von der Bühne weg in den Tournee – Bus geschafft und gen Gefängnis chauffiert. Dort angekommen bricht sich der graue und für manche grausame Gefängnisalltag wieder Bahn : der bauchredende Heiratsschwindler tötet sich, Hannes verfällt beinahe in Agonie. Doch ein weiteres Gastspiel der Landesbühne, diesmal mit Becketts Stück „Warten auf Godot“, wirbelt noch einmal alles durcheinander. Hannes erbeutet nach der Vorstellung die wichtigste Requisite, den faltbaren Baum, schmückt damit die recht enge Zelle und schmiedet neue Fluchtpläne. Clemens wird zum Direktor zitiert und wegen dessen Idee einer Autobiographie um Rat gefragt, sogar um Unterstützung gebeten….
Manfred Lütz, der Autor dieses populärwissenschaftlichen Sachbuchs studierte Medizin, Philosophie und katholische Theologie. Als Facharzt für Neurologie und Psychiatrie mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung wurde er Chefarzt eines katholischen Krankenhauses in Köln und befasste sich praktisch mit verschiedenen Richtungen der therapeutischen Arbeit. Zudem ist er in verschiedenen Gremien der katholischen Kirche engagiert. Er verfasste verschiedene Sachbücher, zuletzt das hier vorzustellende „Irre! Wir behandeln die Falschen – unser Problem sind die Normalen. Eine heitere Seelenkunde“, in dem er dem interessierten Laien psychische Erkrankungen und unterschiedliche Therapieverfahren näherbringen will. Dabei setzt er sich im ersten Teil des Buches – der Untertitel des Bandes deutet es an – vornehmlich mit den „Normalen“ auseinander. Dabei unterscheidet er zwischen dem „normalen Wahnsinn“, dem er zeitgeschichtliche Erscheinungen wie Hitler, Stalin, Saddam Hussein und Osama bin Laden zurechnet, und dem „normalen Blödsinn“, der sich in vermeintlichen Prominenten von Dieter Bohlen bis Paris Hilton, in der Comedy oder der Esoterik manifestiert. In einem dritten Abschnitt dieses Kapitels betrachter er die „blödsinnig Normalen“, den Alltag, ihre Anpassungsprozesse und Abgrenzungsversuche, etwa in verschiedenen Milieus, die für ihn ein Zersplittern des gesellschaftlichen Zusammenhangs signalisieren, das unter der Tünche der vorherrschenden political correctness voranschreitet. Im zweiten Teil des Buches befasst sich Lütz mit verschiedenen therapeutischen Verfahren – von der Freudschen Psychoanalyse, die er allerdings in modernisierten Weiterentwicklungen für angemessen hält, über Verhaltenstherapie und der systemischen Therapie bis zur medikamentösen Behandlung. Er stellt deren Prinzipien und Grundlagen dar und illustriert das Vorgehen anhand konkreter Beispiele. Ebenso verfährt er im dritten Teil des Buches, wenn er verschiedene psychische Krankheiten und Persönlichkeitsstörungen beschreibt, Ursachen und Wirkungen näher betrachtet und ab und an auch therapeutische Fehlschlüsse – durchaus selbstkritisch benennt. Dabei nimmt die International Classification of Diseases (ICD) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Grundlage. Dabei vermittelt er auch einen Einblick in das Erleben und die Gesamtpersönlichkeit der Erkrankten und wahrt so ihre Menschlichkeit. Sucht, demenzielle Erkrankungen wie das Alzheimersyndrom, Schizophrenie, Depressionen und manische Erkrankungen werdem dem Leser verständlich und systematisch vorgestellt, Symptome und mögliche Therapieansätze genannt, sodaß ein Laie an dieses Feld der Medizin ohne größere Verständnisbarrieren herangeführt wird. Ergänzend behandelt er auch Erkrankungen und Störungen der Psyche, die erst in den letzten Jahrzehnten ins den Fokus der Psychiatrie und Psychologie genommen wurden : das posttraumatische Belastungssyndrom, Zwangserkrankungen und Phobien, die ebenfalls einschneidende Folgen und Leiden bei den Betroffenen hervorrufen. Ausdrücklich nicht in seinen umfassenden Katalog aufgenommen hat Lütz allerdings jede Art der geistigen Behinderung. Zum Abschluß des Buches nimmt er noch einmal das „Normale“ ins Blickfeld, denn in ihm sieht er vor allem – dank der diesem innewohnenden Ausgrenzungsmechanismen – große Gefahren für die psychisch Erkrankten, aber auch die Gesellschaft selbst. Denn spätestens die totalitären Systeme des zwanzigsten Jahrhunderts vom Dritten Reich bis zum Stalinismus haben bewiesen, wie unmenschlich, tödlich und effektiv solche Mechanismen perfektioniert werden können. Er plädiert für ein Miteinander aller Bevölkerungsgruppen, gegen ein Abschieben psychisch Kranker in isolierte, fachlich betreute Ghettos, allein schon, weil viele der Erkrankungen therapierbar oder so zu lindern sind, daß eine Integration in normale gesellschaftliche Zusammenhänge durchaus gewährleistet wäre, stünden nicht die Vorurteile der „Normalen“ dagegen.
„Haus Ulmen“ ist eine durchschnittliche, gutgeführte Senioreneinrichtung. Man gibt sich Mühe, sorgt für Beschäftigung und Gemeinschaftserlebnisse und bemüht sich, neueste Erkenntnisse in der Altenpflege umzusetzen. Hier leben, neben vielen anderen, der Vater von Ernst Sander, ein Professor, dessen Frau längst verstorben ist und der – zunehmend demenziell erkrankt – mit unbeirrbarem Eifer an einer wissenschaftlichen Veröffentlichung zu arbeiten meint, allerdings lediglich sinnlose Krakeleien zu Papier bringt, und die Mutter von Regina von Kanter, nicht mehr in der Lage oder willens, zu sprechen. Anvertraut sind sie der Pflegerin Gabriele, die ebenso burschikos wie resolut ihrer Arbeit nachgeht, dabei die Intimsphäre der Bewohner mißachtet, um die Abläufe nicht in Gefahr zu bringen, und ihrem jüngeren Kollegen Maik, der Talent und Gespür besitzt, mit den alten Menschen recht natürlich umzugehen. Während viele der Angehörigen das Wochenende als Besuchstage nutzen, erscheinen Regina und Ernst zumeist am Dienstag, um ein, zwei Stunden mit ihren Angehörigen zu verbringen. Für den geschiedenen Ernst wäre das Wochenende ungünstig, denn dann darf er den Besuch seiner Tochter empfangen. Doch für Regina und Ernst sind die pflichtbewußten Besuche zunehmend eine Qual, denn der Professor ist immer seltener ansprechbar, lebt in seiner eigenen Welt, Reginas Mutter kommuniziert allenfalls mit vernichtenden Blicken und vermittelt der Tochter den Eindruck ständiger Mißbilligung. Nach dem Ende ihrer Besuche treffen sich Regina und Ernst immer häufiger auf dem Parkplatz, genießen die Erleichterung, wieder einen Termin überstanden zu haben, reden kurz miteinander. Fast unvermeidlich kommen beide einander näher und beginnen eine hauptsächlich sexuelle Liaison, denn wirklich miteinander zu reden gestaltet sich schwierig. Eines Tages fassen beide den Entschluß, gemeinsam zu verreisen. Nach Malaysia soll es gehen, in ein tropisches Paradies mit luxuriösem Ambiente. doch was vielversprechend beginnt, zerbröselt bald, denn beide sind nicht in der Lage, die Gedanken an ihre Angehörigen zu verdrängen, sondern klammern sich an die Schwierigkeiten und Schuldgefühle, sodaß die entstehende Beziehung schon im Ansatz belastet wird. Ernsts Besuch in einem Tempel, in dessen Innenhof er das qualvolle Sterben einer Schildkröte beobachtet, lassen ihn den Versuch, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen, als vergeblich und sinnlos empfinden. Reichlich distanziert kehrt man heim und damit auch zu den wöchentlichen Besuchen im Altenheim zurück. Professor Sanders Demenz ist fortgeschritten, immer stärker verspürt er eine innere Unruhe, die ihn eines Abends aus dem Heim treibt, leicht bekleidet und barfuß, bis er weit entfernt wieder gefunden werden kann. Selbst Ernst gelingt es kaum ihn zu erreichen, nur Lili, seine Enkelin kann mit ihrer kindlichen Unbefangenheit eine emotionale und unverkrampfte Verbindung herstellen. Für Regina und Ernst scheinen sich dagegen neue Perspektiven zu eröffnen : Regina schließt sich einer Yoga – Gruppe an, Ernst glaubt, das Verhältnis zu seiner geschiedenen Frau lasse sich womöglich wieder einrenken. Allerdings muß Regina feststellen, daß sie schwanger ist …