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Gelegentliche Mitteilungen aus meinem Bücherregal

Victor Lodato : Mathilda Savitch

Verfasst von tinius am 7. November 2009

Mathilda Savitch, die jugendliche Protagonistin und Ich – Erzählerin, lebt in schwierigen Zeiten. Gerade inmitten ihrer Pubertät, muß sie den Tod ihrer älteren Schwester Helene, die ein Jahr zuvor unter einen Zug geraten war, und den völligen Zusammenbruch des familiären Lebens verarbeiten. Denn ihr Vater, ein Schatten seiner selbst, ist kaum noch greifbar, die Mutter konsumiert Fernsehprogramm und Alkohol gleichermaßen unkontrolliert, daß Mathilda und ihre Trauer kaum noch wahrgenommen werden. Seinem Charakter entsprechend tut das Mädchen alles, um von den Eltern beachtet zu werden : offensiv und direkt, nicht selten aggressiv provoziert es die Mutter, trägt zum Beispiel ein Kleid der verstorbenen Schwester oder spielt alte Tonbandaufnahmen mit Helenes Stimme ab, ohne allerdings mehr als noch größere Verstörung zu erreichen. Mathilda ist der festen Überzeugung, ein unbekannt gebliebener Mann habe die Schwester auf die Geleise gestoßen, und überlegt sich Möglichkeiten, diesem auf die Spur zu kommen. Anhaltspunkte bieten an ihre Schwester gerichtete Briefe und ausgedruckte e-Mails, die Helene in ihrem Zimmer versteckt hatte, doch um handeln zu können, braucht Mathilda Zugang zu Helenes durch ein Passwort geschütztes Postfach. Doch auch anderes beschäftigt Mathilda : erste erotische Irritationen stellen sich ein und erschweren das Verhältnis zu ihrer besten Freundin Anna, für die sich auch der Nachbarsjunge Kevin interessiert, zudem werden die Vereinigten Staaten und andere Länder von einer jahrelangen Terrorwelle erschüttert, die vor etlichen Jahren mit den Anschlägen auf das World Trade Center begann, als Mathilda und ihre Freunde noch kleine Kinder waren. Inzwischen führen die USA Krieg, der ältere Bruder Annas ist als Soldat im Auslandseinsatz. Mathilda plant eine Art Überlebenscamp mit Kevin und Anna im Keller ihres Elternhauses, doch das Unternehmen geht gründlich schief. Nicht nur versucht Kevin, sich Anna zu nähern, ohne daß er abgewiesen wird, sondern das nur durch Lügen möglich gewordene Unternehmen treibt Mathildas Mutter zur Flucht und läßt auch Annas Mutter den Kontakt ihrer Tochter mit Mathilda bestmöglich unterbinden. Und so ist Mathilda auf sich gestellt, als es ihr eher durch Zufall gelingt, das Passwort zu Helenes e-Mail – Konto zu knacken. Neutrale Instanzen, Lehrer, eine Nonne oder ein Psychologe können das Mädchen entweder nicht erreichen oder werden grade in wichtigen Dingen von Mathilda belogen. Und so faßt Mathilda einen möglicherweise gefährlichen Entschluß : sie sendet eine Mail unter dem Namen ihrer Schwester an eine männliche Person, die häufig Liebesbriefe und e-Mails an Helene geschrieben hatte und als möglicher Täter in Frage käme. Doch Louis’ Antwort läßt vermuten, daß er vom Tod Helenes noch nicht erfahren hat. Mathilda erfragt die Adresse von Louis, und als ihr Vater sich bemüht, seine Frau wieder nach Hause zu holen, setzt sie sich in den Zug, um Louis aufzusuchen, ohne zu wissen, was sie am Ziel ihrer Reise erwarten wird…

Wer, wenn nicht ein Dramatiker, wäre in der Lage, einer ihm wegen des Alters wie des Geschlechts eher unvertrauten Person auch in einem Roman eine eigene, unverwechselbare und vor allem glaubhafte Stimme zu verleihen ? Victor Lodato, der bislang mehrere, zum Teil preisgekrönte Theaterstücke veröffentlicht hatte, ist dieses in seinem ersten Roman, wenn auch nicht ohne kleinere Abstriche, gelungen. Kaum zu verkennen ist ihre direkte Verwandschaft mit Holden Caulfield, dem pubertierenden Sechzehnjährigen aus Salingers „Der Fänger im Roggen“. Mathilda ist direkt, offensiv bis zur Aggression und in weiten Teilen des Buches ebenso kindlich wie es Salingers Protagonist im Jahre 1949 gewesen ist, und nur ebenso langsam wächst das Mädchen in die Welt der Erwachsenen hinein. Allerdings mischen sich in ihre kindlich – groben, meist aber pointierten Sätze immer wieder kleine poetische Bilder, die deutlich eher dem erwachsenen Autor Lodato als seiner vorlauten und durchaus lautstarken Ich – Erzählerin zu verdanken sind. Dennoch nimmt der Leser das selten als ein „Aus – der – Rolle – Fallen“ wahr, da er in einem gewissen Maße durch den vorherrschenden Tonfall desensibilisiert wird. Andererseits aber besteht die Gefahr, daß er durch den so erzeugten verbalen Druck und die unablässige Folge eher ungünstiger Entscheidungen der Protagonistin alsbald enerviert das Buch zur Seite legt. Dies allerdings ist kein Fehler, der dem Autor anzukreiden wäre, sondern ein Kernbestandteil des Charakters seiner Figur, um deren Innen – und Erleben es in diesem Roman vornehmlich geht. Jedoch treibt es der Autor an einer Stelle zu weit : der Leser assoziiert mit Mathildas Direktheit, ihrer Fähigkeit, verbal den Finger in offene Wunden zu legen, ihrer beinahe uneingeschränkten Rücksichtslosigkeit, relativ gerechtfertigt, auch ein großes Maß an Ehrlichkeit dem Leser gegenüber, an den sie sich als Ich – Erzählerin über weite Strecken hinweg direkt wendet. Doch erst mit der Hälfte des Buches wird, in einer eher beiläufigen Bemerkung, klar, daß dieser Erzählerin keineswegs wirklich zu trauen ist, daß sie den Leser – vielleicht sogar mehr als sich selbst – belügt. Natürlich ist auch das, sofern man gutwillig von einer Lüge gegenüber ihr selbst, einer Art rettenden bzw. tröstlichen Illusion ausgeht, ausgeht, ein unabdingbarer Bestandteil der Persönlichkeit und ihrer Probleme, mit der dramatischen Realität zurechtzukommen, doch das lange Zögern des Autors, auch nur kleine Andeutungen zu machen, könnte dazu verleiten, die gesamte Geschichte grundlegend in Zweifel zu ziehen, was sicherlich keineswegs der Intention des Autors entspräche. Denn auch das vollkommen subjektive Erleben einer Figur braucht vertrauenswürdige und verläßliche Koordinaten im Faktischen, sodaß deren Interpretation durch den Charakter nachvollziehbar bleiben. An dieser Stelle gerät noch eine Besonderheit des Buches in das Blickfeld : während die Figuren, die direkte Umgebung genau und präzise gezeichnet sind, ist der zeitliche wie auch der geographische Hintergrund eher verschwommen. „Mathilda Savitch“ läßt sich nämlich weder örtlich noch zeitlich genau einordnen. Lodato nennt zwar Ortsnamen wie „Little Falls“, „Corinth“ oder „Desmond“, aber die sind entweder gar nicht oder nicht in der behaupteten Nähe zueinander aufzufinden. So kann man zwar vermuten, man befinde sich im Staate New York, und die Biographie des Autors legt das nahe, doch spräche einiges auch dagegen. Betrachtet man die sporadischen Hinweise auf das aktuelle Geschehen in den USA und im Ausland, meist in den Überlegungen der Protagonistin oder bruchstückhaft in kleinen Ausschnitten aus aktuellen Nachrichtensendungen, scheint es sich bei der Zeit der Handlung eher um eine nahe, mögliche Zukunft als um die Gegenwart zu handeln. Den elften September – als Kindheitserlebnis auch Mathilda gegenwärtig – hat es durchaus gegeben, doch seitdem scheinen terroristische Anschläge nicht nur im Ausland, sondern eben auch in den USA ein beinahe regelmäßiges Ereignis zu sein. Die Bedrohung durch Terror wirkt dadurch um einiges realer, konkreter, sodaß sich auch Heranwachsende wie Mathilda damit ziemlich konkret und direkt auseinandersetzen müssen. So spekuliert das Mädchen über Motive und charakterliche Eigenschaften der Attentäter, aber auch eine der zentralen Szenen des Romans, das „Überlebenscamp“ im Keller von Mathildas Elternhaus ist nicht nur eine Gelegenheit, ihre wichtigsten gleichaltrigen Bezugspersonen an einem Ort zu versammeln, sondern scheint nicht unerheblich von den gesellschaftlichen Realitäten begründet. Dem Leser zumindest ist Anreiz geboten, den möglichen Verknüpfungen von gesellschaftlicher und familiärer Wirklichkeit ein wenig nachzuspüren. Das eigentlich dramatische Geschehen ist eher der Ausgangspunkt des Buches, der Tod von Helene, die verschiedenen Vorgänge, die dazu geführt haben könnten, an denen auch Mathilda selbst und ihre Mutter nicht unbeteiligt waren. So ist der Roman zwar keineswegs handlungsarm, aber in der äußeren Aktivitäten wenig dramatisch. Auch die innere Entwicklung Mathildes vollzieht sich eher graduell und behutsam, wenn auch mit einigen unliebsamen Erkenntnissen. Mathilda erreicht zum Ende der Geschichte ein immer noch filigran wirkendes Gleichgewicht, das am Ende eines psychisch aufwühlenden Trauerprozesses steht. Und da hier das Hauptaugenmerk des Autors liegt, kann man dem Roman bescheinigen, daß er weitgehend gelungen ist. Mathilda ist in all ihrer Verletzbarkeit und in ihrem verbalen Wüten mit Sicherheit ebenso beeindruckend wie berührend, die Geschichte ist klug und nachvollziehbar konstruiert, die Sprache präzise, authentisch anmutend und mit Könnerschaft eingesetzt. Meine kritischen Anmerkungen schmälern aber nur um weniges den positiven Gesamteindruck, den das Buch als Ganzes hat hinterlassen können. Allerdings steht zu vermuten, daß „Mathilda Savitch“ Potential hat, die Leserschaft zu polarisieren, stärker wohl als manch anderes Buch dieser Saison.

Ich danke dem C.H. Beck Verlag für das Überlassen eines Rezensionsexemplars.

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Peter Henning : Die Ängstlichen

Verfasst von tinius am 31. Oktober 2009

Es ist Sommer im Jahre 2003, als ein heftiges Unwetter über Hessen zieht und besonders in Hanau eine Spur der Verwüstung hinterläßt. Die achtundsiebzigjährige Johanna Jansen, Mutter dreier erwachsener Kinder und auch einstige Pflegemutter ihres inzwischen auch erwachsenen Enkels, hat beschlossen, in ein Seniorenwohnheim zu ziehen, bevor noch das Nachlassen der körperlichen und geistigen Kräfte allzu kritisch werden kann. Und so plant sie ein Familientreffen, bei dem sie ihren Entschluß verkünden möchte. Allerdings haben ihre Kinder, der Enkel und ihr Lebensgefährte gerade ganz andere Sorgen. Janek, ein ehemaliger polnischer Kriegsgefangener, mit dem Johanna seit Kriegsende und dem Tod ihres Ehemannes offiziell zusammenlebt, hält sich in einem Hotelzimmer versteckt, um möglichst den ausgesandten Schergen eines Anbieters von illegalen Glücksspielen zu entgehen, die 90.000 Euro Spielschulden zu recht heftigen Maßnahmen veranlassen würden, könnten sie Janeks habhaft werden. Konrad, jüngster Sohn Johannas, hat andere Sorgen. Er, der seit Jahren mit der Diagnose Schizophrenie immer wieder in psychiatrischen Krankenhäusern behandelt wird, hat seine Medikation eigenmächtig abgesetzt und plant seine Flucht nach Amerika, behelfsweise nach Hause, denn dies scheint ihm denn doch realistischer als die Reise in das Land seiner Träume. Und sein Ausbruch gelingt, allerdings bricht er sich ein Bein und wird Johannas Wohnung nicht erreichen, Hanau aber immerhin schon. Und Johanna muß sich indes nicht nur mit dem Verschwinden Janeks, sondern auch dessen vermuteten Selbstmord auseinandersetzen. Denn sein Auto wurde mit Blutspuren verlassen aufgefunden. Was sie allerdings nicht weiß und bis zum Ende des Romans nicht erfahren wird, ist, daß Janek lebt, Johannas Enkel Ben bittet, ihm die fehlenden 90.000 Euro zu beschaffen. Der, ein wenig pflichtbewußter, hypochondrischer freier Journalist, verfügt selten über Geld, auf keinen Fall aber über die verlangte Summe. Und so beschließt er, seine Freundin Iris, die in einer Bank arbeitet, einzuspannen. Wider besseres Wissens und entgegen dem Rat seines Freundes Kaplan setzt er so die große Liebe seines Lebens unwiderruflich aufs Spiel, indem er nicht nur Iris’ Stelle gefährdet. Bens Loyalität Janek gegenüber ist jedoch ein wenig fragwürdig, denn der spielt längst sein eigenes Spiel. Unterstützung findet Johanna nirgendwo, denn ihre beiden älteren Kinder Helmut und Ulrike leben in ihren eigenen Katastrophen – Szenarien. Helmut, einst ein gesellschaftlich angesagter Tennislehrer, der das Partyleben und den Alkohol mehr als schätzte, ist inzwischen reichlich heruntergekommen. Geblieben ist ihm sein Egozentrismus, sein Hang zum Trinken und die Abneigung gegen seinen Sohn Ben, der einer kurzen Ehe entstammt, schnell im Heim landete und schließlich von Helmuts Mutter Johanna aufgezogen wurde. Helmut scheint sich zwar mit seinem jetzigen Leben arrangiert zu haben, aber als er Blut im Urin findet und eine Krebserkrankung anzuzeigen scheint, bricht die Fassade ziemlich widerstandslos zusammen. Helmuts Angst vor dem Tod macht aus ihm ein Häufchen Elend. Und Ulrike, etwas über 50 Jahre alt, verheiratet mit einem Manager, den sie gut unter ihrer Kontrolle wähnt, muß feststellen, daß ihr Mann sie betrügt. Nun gewinnt der andauernde Machtkampf mit ihrem Ehemann vollkommen neue Dimensionen, auch wenn ihre Angst vor dem Alter ihr gehörig zusetzt. Beruhigungsmittel, chirurgische Hilfe können nur unzureichend ihre Angst vor dem Alter und vor dem drohenden Kontrollverlust in der Ehe verdecken. Daß ihre gemeinsamen Kinder allerdings keineswegs den gepredigten bürgerlichen Idealen entsprechen, die ihr selbst eine vermeintliche Sicherheit boten, verdrängt sie erfolgreich. Stattdessen konzentriert sie sich darauf, den Willen ihres Mannes zu brechen – mit nicht immer einwandfreien Methoden. Dies alles sind keine guten Vorzeichen für Johannas Familienabend, der anders verlaufen wird als geplant und einen unerwarteten Abschluß findet….

Man kann Peter Hennings Roman „Die Ängstlichen“ mit Fug und Recht als einen Familienroman bezeichnen und damit die rhetorische Frage, ob ein Familienroman funktionierender familiärer Strukturen bedürfe, negativ beantworten. Denn natürlich ist eine Familie in erster Linie durch gegebene Verwandschaftsverhältnisse definiert, erst dann – und im einundzwanzigsten Jahrhundert immer seltener – durch deren Zusammenhalt und gemeinsames emotionelles Erleben. Insofern ist dieses Buch, wenigstens im Ansatz, eine Diagnose unserer Gesellschaft, unserer Zeit, die durch Angst vor Terrorismus, Klimawandel, Verrohung der Jugendlichen oder Pandemien gekennzeichnet scheint. Allerdings arbeitet dieser Roman am Einzelnen, am Kleinen, dies allerdings in einem recht nüchternen, zurückgenommenen Tonfall, der wissenschaftlichen Protokollen ähneln mag. Hennings Blick ist scharf, sezierend und ohne Ressentiments. So hat der Leser es schwer, wirkliche Sympathieträger zu finden, sich zu identifizieren, denn die ich – bezogene Beschränktheit fast aller Figuren wird ihm erbarmungslos vor Augen geführt. Selbst Janek, den man als liebenswerten Hasadeur möglicherweise schätzen gelernt hat, als Schlitzohr ohne Angst, wird am Ende des Romans sein Spiel zu weit getrieben haben. Dennoch gelingt es dem Autor, das Interesse an seinen Figuren und deren weiteren Entwicklungen zu wecken und aufrechtzuerhalten.
Hennings Instrumentarium ist ebenso weit gefächert wie widersprüchlich : zum einen beschreibt er Charaktere und deren Katastrophen, ihre Kämpfe wie ihr Scheitern trocken, präzise und ohne gnädige Retusche, zum anderen fährt er eine Maschinerie an Unheilvollem auf, daß entweder an antike Tragödien oder tiefschwarze romantische Genrebilder erinnern mag. So fegt schon zu Beginn ein Unwetter durch die Stadt Hanau, das mehr als deutlich Unheil zu verkünden scheint, das diese bürgerlich – beschauliche Stadt beinahe verwüstet und unübersehbare Trümmer hinterläßt. Er scheint das nun Kommende im Leben seiner Figuren vorwegzunehmen, anzukündigen. Hier mag auch eine der wenigen Schwächen des Buches zu lesen, denn manches, das dem Leser schon beim Lesen recht deutlich wird, meint der Autor dennoch explizit benennen zu müssen, als vertraute er seiner eigenen Konstruktion oder der Auffassungsgabe des Lesenden nicht. Und ebenso gewaltig, beinahe unmäßig wie der den Roman einleitende Orkan sind die Desaster, denen seine Figuren ausgesetzt werden. Mögliche Krebserkrankung, vermuteter Selbstmord, ein ehelicher Kampf mit Erpressung und Demütigung, die Zumutung, eine wirklich geliebte Person zu kriminellen Verhalten zu drängen, stehen im Widerspruch zu der Sachlichkeit der Beschreibung, aber auch zum Sich – Winden, dem Klein – Klein seiner Protagonisten. Durch diesen deutlichen Gegensatz entsteht eine ironische Brechung, die das Szenario einer antiken Tragödie in eine bitter – böse Komödie verwandelt, umso mehr als die Figuren nicht unpersönlichen Schicksalsmächten wie im griechischen Drama ausgeliefert sind, sondern jederzeit durch eigenes Handeln eine Befreiung wagen könnten. Selbst der familiäre Zusammenhalt wäre eine denkbare Option, die allerdings durch die Egotismen fast aller Beteiligten schon im Ansatz scheitert, sodaß auch eine wirkliche Entscheidung die Handlung des Romans beschließt. Es sind aber genau jene ironische Brechung, die genaue Zeichnung der Figuren, die niemals zur Karikatur gerät, die den Roman ebenso spannend wie unterhaltsam machen, die den Leser dann doch teilnehmen, einer Lösung der Konflikte entgegenstreben lassen. Nur wird er, das sei verraten, keine große Entwicklung konstatieren können, allenfalls einen kleinen Lernprozess, der in seiner Bescheidenheit schon wieder ein ironischer Kommentar zu den beschriebenen Phänomenen ist.
Ich kann mit gutem Gewissen diesen Roman zur Lektüre empfehlen, der in meinen Augen handwerklich und inhaltlich gelungen ist und zu Gedankengängen wie Diskussionen anzuregen vermag, ohne das Bedürfnis des Lesers nach – guter – Unterhaltung zu vernachlässigen. Fünf Jahre Arbeit an diesem Buch haben sich bezahlt gemacht.

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Siegfried Lenz : Landesbühne

Verfasst von tinius am 24. Oktober 2009

Es geht Unerhörtes vor in der Justizvollzugsanstalt Isenbüttel, wie Hannes, eine Art kahlköpfiger, moderner Wegelagerer, und Clemens, ein Germanistikprofessor, der Studentinnen gute Examensnoten gegen Liebesdienste gewährte, beim Blick aus dem Zellenfenster feststellen können : Der Tournee – Bus der Landesbühne hat im Gefängnishof gehalten, ein Gastspiel wird gegeben. Angekündigt ist das Stück“Das Labyrinth“. Nach einer Rede des Gefängnisdirektors, in der er – pikanterweise aus einem Buch über die Epoche des „Sturm und Drang“ des Gefangenen Clemens zitierend – auf die Gültigkeit des Dramas auch für die Insassen hinweist, beginnt die Aufführung. In einer Pause, in der den Gefangenen ausnahmsweise ein Hofgang zum Rauchen erlaubt worden war, gelingt Hannes, Clemens und einigen anderen die Flucht, als sie den Bus des Theaterensembles kapern. Bis in das Örtchen Grünau, das gerade sein Nelkenfest feiert, geht die Fahrt. Die Flüchtigen werden prompt für Mitglieder der Theatertruppe gehalten, die nun das Fest kulturell bereichern sollen. Mit Gesang und einem Kabinettstückchen eines Bauchredners ziehen sie sich ungeahnt gut aus der Affäre. Doch Grünaus kulturbeflissener Bürgermeister plant schnell Größeres : mit Kultur will er das Renommee des Ortes verbessern, um Touristen und damit Einnahmen buhlen. Vor allem Hannes bestärkt ihn darin. Zwar gibt es immer wieder Situationen, in denen eine weitere Flucht nach Dänemark angeraten scheint, Polizisten streifen mißtrauisch durch den Ort, eine ehemalige Studentin Clemens’, die durch seine Prüfungen durchgefallen war und nun als Volontärin in der Zeitung des Örtchens arbeitet, hat ihren ehemaligen Professor erkannt und könnte ihn umgehend verraten, und selbst der Direktor des Isenbütteler Gefängnisses taucht während einer Veranstaltung unversehens auf. Dennoch bleiben die Geflohenen unbehelligt und setzen ihre kulturelle Arbeit fort. Clemens hält einige umjubelte Vorträge, einen davon auch zu seinem Spezialgebiet „Sturm und Drang“, Hannes kümmert sich eifrig um die Einrichtung eines Heimatmuseums, dessen Hausmeister und Leiter er schließlich wird. Kleinere Missetaten anderer Entflohener trüben kaum diesen unverhofften Frieden, doch letztlich traut man der Ruhe dieses Paradieses nicht wirklich über den Weg und beschließt, sich alsbald in Richtung dänische Grenze abzusetzen. Doch die angekündigte Ehrung der „Kulturschaffenden“ läßt sie dann doch zögern. Allerdings werden sie gleich von der Bühne weg in den Tournee – Bus geschafft und gen Gefängnis chauffiert. Dort angekommen bricht sich der graue und für manche grausame Gefängnisalltag wieder Bahn : der bauchredende Heiratsschwindler tötet sich, Hannes verfällt beinahe in Agonie. Doch ein weiteres Gastspiel der Landesbühne, diesmal mit Becketts Stück „Warten auf Godot“, wirbelt noch einmal alles durcheinander. Hannes erbeutet nach der Vorstellung die wichtigste Requisite, den faltbaren Baum, schmückt damit die recht enge Zelle und schmiedet neue Fluchtpläne. Clemens wird zum Direktor zitiert und wegen dessen Idee einer Autobiographie um Rat gefragt, sogar um Unterstützung gebeten….

Öffnet man diesen schmalen Band meldet sich unwillkürlich ein Reflex des Unwillens : 120 Seiten, große Zeilenabstände und ein nicht allzu kleines Schriftbild signalisieren, daß es dem Verlag ein wenig schwer gefallen sein muß, aus dieser Erzählung eine legitime Einzelausgabe zu machen. Und doch ist dieser Reflex in diesem Falle zutiefst ungerecht, denn weder hat der Leser das Recht, einen umfangreicheren Roman zu verlangen, noch ist es wirklich realistisch, bei einem dreiundachtzigjährigen Autor zuzuwarten, bis er einen gut gefüllten Erzählungsband beisammen hätte. Und Siegfried Lenz ist es allemal wert, auch in kürzerer Form gekauft und gelesen zu werden. Dies gilt auch im vorliegenden Fall, obwohl ich mit dieser Erzählung, die man mit einigem Recht der Novellendichtung zurechnen kann, nicht wirklich warm geworden bin. Protagonist und Ich – Erzähler dieses Prosastücks ist Clemens, intellektueller Tagebuchschreiber, Germanist und Literaturkundler. Mit ihm gerät der Leser unversehens in eine mit romantischem Schleier verzauberte Märchenwelt, die dennoch unverkennbare Züge der Wirklichkeit aufweist. Der fiktive Ort Grünau ist tiefste Provinz, der ebenso eitle wie engagierte Bürgermeister eine milde Karikatur, nur daß es für diese Schelmenbande aus Gescheiterten und Kleinkriminellen so reibungslos verläuft, ist wirklich verwunderlich. Die suggerierte Idylle des Örtchens nimmt der Leser ohne wirklichen Widerstand als gegeben. Doch ist die heile Welt nicht ungetrübt, denn die Geflohenen sehen bald überall bedrohliche Anzeichen, daß ihr Aufenthalt gefährdet sein könnte, schwanken zwischen dem Wunsch, anerkannt zu werden, und dem Gedanken an schnelle Flucht. Mehr noch : manche begehen kleinere Straftaten, Clemens, der sich zögernd auf eine Liebesaffäre mit der Bäckerin des Ortes einläßt, hätte vielleicht lieber eine Hübschere verführt, zumal es andere Angebote gegeben hätte. So scheinen die Grenzen in dieser unverhofften Freiheit vor allem im Innenleben der Figuren zu existieren, in ihrem Zögern, in einer gewissen Eitelkeit oder einem angelernten Mechanismus, sich durch Unrecht Vorteile zu verschaffen. Dem Leser bleibt es überlassen, diesen Ausflug in die Märchenwelt als wirkliche Handlung oder eskapistische Träumerei des Professors zu deuten, letzteres eine der Möglichkeiten, aber wohl die untauglichere, die Literatur – hier das fiktive Theaterstück „Das Labyrinth“ – dem Leser oder Zuschauer zu bieten hat. Literatur ist das Referenzsystem, in dem sich diese Erzählung bewegt : Lenz’ eigene Romane „Deutschstunde“ und „Heimatmuseum“ sind erkennbar, die eher sanfte, fast idyllische Romantik des Eichendorff’schen „Taugenichts“, natürlich die Epoche des „Sturm und Drang“, als dessen ausgewiesener Fachmann Clemens beschrieben wird, und im Schlußteil Becketts ebenso anrührendes wie absurdes „Warten auf Godot“, das das Menschliche auf einer teils abstrakten, teils schmerzhaft konkreten Ebene verhandelt und auf Hannes eine tiefgreifende Wirkung hat. Hier nämlich wird keine märchenhafte Flucht initiiert, sondern stattdessen eine Akzeptanz der Realität, und gleichzeitig werden die Mittel bereitgestellt, mit dieser Wirklichkeit zu leben : Werte wie Freundschaft und Solidarität.
Gerade vom Ende her betrachtet, wirkt diese Erzählung dann doch ein wenig zu programmatisch, in gewisser Weise dialektisch, was durch den relativ ökonomischen, manchmal etwas karg anmutenden Erzählstil verstärkt zu werden scheint. Natürlich ist Lenz immer noch in der Lage – bei aller Zurückgenommenheit – gelassen und mit sprachlicher Kunstfertigkeit, Bilder, Landschaften und Figuren entstehen zu lassen, doch wirklich üppig und vibrierend vor Leben ist diese Prosa nicht (mehr). So bin ich also ein wenig enttäuscht und weiß doch, daß meine jugendliche, eher unkritische Liebe zur „Deutschstunde“ diese Enttäuschung in einem vielleicht ungerechten Maß nährt. Nicht jedes Buch eines Autors kann ein Meisterwerk sein oder auch nur jedesmal emotional ergreifen, das zu fordern wäre ebenso ungerecht wie unrealistisch. Und doch – ich wiederhole mich hier bewußt und allenfalls unmerklich zögernd : Siegfried Lenz ist es allemal wert, gelesen zu werden.

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Fundbüro

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Manfred Lütz : Irre !

Verfasst von tinius am 16. Oktober 2009

Manfred Lütz, der Autor dieses populärwissenschaftlichen Sachbuchs studierte Medizin, Philosophie und katholische Theologie. Als Facharzt für Neurologie und Psychiatrie mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung wurde er Chefarzt eines katholischen Krankenhauses in Köln und befasste sich praktisch mit verschiedenen Richtungen der therapeutischen Arbeit. Zudem ist er in verschiedenen Gremien der katholischen Kirche engagiert. Er verfasste verschiedene Sachbücher, zuletzt das hier vorzustellende „Irre! Wir behandeln die Falschen – unser Problem sind die Normalen. Eine heitere Seelenkunde“, in dem er dem interessierten Laien psychische Erkrankungen und unterschiedliche Therapieverfahren näherbringen will. Dabei setzt er sich im ersten Teil des Buches – der Untertitel des Bandes deutet es an – vornehmlich mit den „Normalen“ auseinander. Dabei unterscheidet er zwischen dem „normalen Wahnsinn“, dem er zeitgeschichtliche Erscheinungen wie Hitler, Stalin, Saddam Hussein und Osama bin Laden zurechnet, und dem „normalen Blödsinn“, der sich in vermeintlichen Prominenten von Dieter Bohlen bis Paris Hilton, in der Comedy oder der Esoterik manifestiert. In einem dritten Abschnitt dieses Kapitels betrachter er die „blödsinnig Normalen“, den Alltag, ihre Anpassungsprozesse und Abgrenzungsversuche, etwa in verschiedenen Milieus, die für ihn ein Zersplittern des gesellschaftlichen Zusammenhangs signalisieren, das unter der Tünche der vorherrschenden political correctness voranschreitet. Im zweiten Teil des Buches befasst sich Lütz mit verschiedenen therapeutischen Verfahren – von der Freudschen Psychoanalyse, die er allerdings in modernisierten Weiterentwicklungen für angemessen hält, über Verhaltenstherapie und der systemischen Therapie bis zur medikamentösen Behandlung. Er stellt deren Prinzipien und Grundlagen dar und illustriert das Vorgehen anhand konkreter Beispiele. Ebenso verfährt er im dritten Teil des Buches, wenn er verschiedene psychische Krankheiten und Persönlichkeitsstörungen beschreibt, Ursachen und Wirkungen näher betrachtet und ab und an auch therapeutische Fehlschlüsse – durchaus selbstkritisch benennt. Dabei nimmt die International Classification of Diseases (ICD) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Grundlage. Dabei vermittelt er auch einen Einblick in das Erleben und die Gesamtpersönlichkeit der Erkrankten und wahrt so ihre Menschlichkeit. Sucht, demenzielle Erkrankungen wie das Alzheimersyndrom, Schizophrenie, Depressionen und manische Erkrankungen werdem dem Leser verständlich und systematisch vorgestellt, Symptome und mögliche Therapieansätze genannt, sodaß ein Laie an dieses Feld der Medizin ohne größere Verständnisbarrieren herangeführt wird. Ergänzend behandelt er auch Erkrankungen und Störungen der Psyche, die erst in den letzten Jahrzehnten ins den Fokus der Psychiatrie und Psychologie genommen wurden : das posttraumatische Belastungssyndrom, Zwangserkrankungen und Phobien, die ebenfalls einschneidende Folgen und Leiden bei den Betroffenen hervorrufen. Ausdrücklich nicht in seinen umfassenden Katalog aufgenommen hat Lütz allerdings jede Art der geistigen Behinderung. Zum Abschluß des Buches nimmt er noch einmal das „Normale“ ins Blickfeld, denn in ihm sieht er vor allem – dank der diesem innewohnenden Ausgrenzungsmechanismen – große Gefahren für die psychisch Erkrankten, aber auch die Gesellschaft selbst. Denn spätestens die totalitären Systeme des zwanzigsten Jahrhunderts vom Dritten Reich bis zum Stalinismus haben bewiesen, wie unmenschlich, tödlich und effektiv solche Mechanismen perfektioniert werden können. Er plädiert für ein Miteinander aller Bevölkerungsgruppen, gegen ein Abschieben psychisch Kranker in isolierte, fachlich betreute Ghettos, allein schon, weil viele der Erkrankungen therapierbar oder so zu lindern sind, daß eine Integration in normale gesellschaftliche Zusammenhänge durchaus gewährleistet wäre, stünden nicht die Vorurteile der „Normalen“ dagegen.

„Irre!“ von Manfred Lütz kann man im besten un humanistischen Sinne als ein Buch der Aufklärung sehen und erfaßt damit zugleich die Intention des Autors. So macht er es dem Leser einfach und beschreibt, erklärt Erkrankungsformen und Therapien, ohne auf wissenschaftliche Theoriegebäude und fachliche Terminologie zurückzugreifen. Während vor allem im ersten Teil ein eher ironischer Tonfall mit durchaus scharfen Spitzen dominiert, erhält sich Lütz in den beiden sachlichen Teilen des Bandes zwar eine angemessene Heiterkeit, wird aber im Ganzen um vieles ernsthafter, sachlicher und begründeter. Genau an diesen Passagen ist wenig auszusetzen, mehr noch : man kann anhand dieser darstellenden Teilen dem Buch nicht genug Leser wünschen, denn es trägt dazu bei, Phänomene und Krankheiten begreifbar, nahezu erfahrbar zu machen, ohne einerseits fachliche Arroganz durchscheinen zu lassen, andererseits aber allgemein verbreitete Vorurteile und Ängste zu verstärken, wiewohl er niemals verschweigt, daß akute Erkrankungen auch Belastungen für das unmittelbare Umfeld bedeuten. Etwas kritischer sehe ich den ersten Teil des Buches, in dem er sich vor allem mit den Normalen beschäftigt.

„Normale“ wurden im Nachgang des Dritten Reiches zu einem Thema der Psychologie und Psychiatrie, denn man suchte nach Wegen, das Verhalten und die Taten „ganz normaler“ Personen zu erklären, die die industrielle Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen befahlen, ausführten oder entweder stillschweigend begünstigten bzw. duldeten. So beschäftigte sich Hannah Arendt mit der „Banalität des Bösen“, diagnostizierten Margarete und Alexander Mitscherlich „Die Unfähigkeit zu trauern“, die die Verarbeitung der Gewaltherrschaft in den sechziger Jahren der Bundesrepublik weiterhin verhinderte. Wirklich deutlich und psychologisch – theoretisch wurde in den achtziger Jahren dann der Psychoanalytiker und Therapeut Arno Gruen, der sich des Themas in seinen Büchern „Der Verrat am Selbst“ und vor allem „Der Wahnsinn der Normalität“ befasste. Er versuchte darin, die menschliche Destruktivität zu ergründen und dafür eine grundlegende Theorie zu schaffen. Seine Hauptthese lautete, wenn ein Kind sich früh der Macht seiner Eltern anpasse, übe es – freiwillig und im Austausch gegen vermeintliche Gunst – einen Verrat am Selbst, der letztlich einen Selbsthaß verursache, der mit dem gesamten Innenleben, den Gefühlen abgespalten und verborgen werde. Die Folge daraus seien die „Normalen“, die entweder zu Konformisten würden, manchmal Rebellen, ab und an aber Machtmenschen, die unsere Realität mit Destruktivität gestalteten – als Manager, Politiker und in extremster Form als Psychopathen und Diktatoren. Gruen sieht also in der Person Hitlers durchaus psychopathologische Züge, die ihm Lütz ausfrücklich nicht zubilligen mag – für ihn ist Hitler gesund, stark und keineswegs behandlungsbedürftig. Er beruft sich dabei auf Joachim Fests Hitler – Biographie. Das erscheint mir wenig einleuchtend, noch weniger nachvollziehbar begründet : Wären Hitler oder andere Täter wie Stalin, Saddam Hussein krank gewesen, wären sie nicht so lange und ununterbrochen handlungsfähig geblieben.

Das, was das Buch so gut lesbar, teilweise auch unterhaltend macht, ist in der besonderen Ausprägung im ersten Teil für mich auch ein Problem. Der Leser ertappt sich zeitweise bei einem immer wiederkehrenden bestätigenden Nicken und gleitet vermutlich auch über einige Widerstandslinien hinweg, die er bei rein sachlicher Behandlung des Themas durchaus – und schmerzhaft – gespürt hätte. Zudem enthebt der Erzählton den Autor sowohl von nachhaltigen Begründungen wie auch schlichten theoretischen Bezügen und Nachweisen. Ab und an mag man sogar eine religiöse Parteilichkeit attestieren, wenn er etwa Comedy als vollkommen sinnlos darstellt, kurz vorher aber den Karneval als Rückzugsgebiet der befreiten Menschlichkeit feiert, als ob dieser andere, stärkere Inhalte hätte als eben Zoten, Alkohol und Bestätigung vornehmlich erzkonservativer Vorurteile. Mit derselben Beiläufigkeit bewahrt er den heiligen Franziskus – obwohl dieser die Stimme Gottes zu hören vermeinte – vor der Diagnose „Schizophrenie“ und nennt ihn gesund. Ich mag soweit folgen, als daß er nach des Autors eigenen Maßstäben – nicht leidend, niemandem, auch sich selbst nicht schadend – nicht wirklich behandlungsbedürftig sei. Doch von „gesund“ zu sprechen, halte ich für gewagt.

Eine wichtige Rolle spielt gerade im Anfangsteil der freie Wille des Menschen. In den Abschnitten über die Formen der Therapie taucht dieser auch auf, relativiert als therapeutische Perspektive, als eine Art an eine Erkrankung heranzugehen, da ja krankhafte Prozesse im Gehirn oder der Psyche den freien Willen zeitweise, gerade in akuten Stadien einschränken können. Im ersten Teil allerdings steht der freie Wille als mehr oder weniger absolutes Phänomen. Natürlich ist der freie Wille in der westlichen Gesellschaft und in der christlichen Religion ein grundlegendes Axiom, ohne den beide nicht funktionieren könnten. Und doch ist diese Grunddefintion der menschlichen Existenz nicht unangezweifelt, weder von früheren religiösen Theorien, noch von Philosophen oder in jüngster Zeit von Hirnforschern. Erkenntnisse der Hirnforschung, die sehr wohl am gesellschaftlichen und vor allem am moralischen Fundament rütteln könnten, lehnt er nicht rundweg ab, sieht sie allerdings – wahrscheinlich im Einklang mit den meisten – als nur eine Dimension der menschlichen Existenz. Denn es kann und darf ja daher nicht sein, daß die Handlungen eines Menschen nur durch Hirnstrukturen bestimmt würden,  der Mensch durch physiologische Abweichungen im Gehirn von jeglicher Verantwortung befreit wäre. Dies nämlich ginge an die Substanz der Gesellschaft wie jedes ethischen Systems, etwa der Religion. Das allerdings erscheint mir zwar erklärbar, aber nicht wirklich befriedigend. Sollten sich die Thesen der Hirnforschung auf Dauer verifizieren lassen, wird man wohl kaum umhin kommen, Gesellschaft neu zu denken.

Trotz meiner – vielleicht allzu subjektiven – Einwände, halte ich das Buch vor allem in seinen sachlichen Teilen für gut gelungen und wichtig. Es ist gut lesbar und verständlich. Die Botschaft, der Ausgrenzung und gesellschaftlichen Ächtung psychisch Kranker keine Chance zu geben, sondern deren Integration zu befördern und eigene Vorurteile und Berührungsängste abzubauen, ist zutiefst human und lobenswert.

Ich danke der Agentur Prittwitz und Partner und dem Gütersloher Verlagshaus für das Überlassen eines Rezensionsexemplars.

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Annette Pehnt : Haus der Schildkröten

Verfasst von tinius am 5. Oktober 2009

„Haus Ulmen“ ist eine durchschnittliche, gutgeführte Senioreneinrichtung. Man gibt sich Mühe, sorgt für Beschäftigung und Gemeinschaftserlebnisse und bemüht sich, neueste Erkenntnisse in der Altenpflege umzusetzen. Hier leben, neben vielen anderen, der Vater von Ernst Sander, ein Professor, dessen Frau längst verstorben ist und der – zunehmend demenziell erkrankt – mit unbeirrbarem Eifer an einer wissenschaftlichen Veröffentlichung zu arbeiten meint, allerdings lediglich sinnlose Krakeleien zu Papier bringt, und die Mutter von Regina von Kanter, nicht mehr in der Lage oder willens, zu sprechen. Anvertraut sind sie der Pflegerin Gabriele, die ebenso burschikos wie resolut ihrer Arbeit nachgeht, dabei die Intimsphäre der Bewohner mißachtet, um die Abläufe nicht in Gefahr zu bringen, und ihrem jüngeren Kollegen Maik, der Talent und Gespür besitzt, mit den alten Menschen recht natürlich umzugehen. Während viele der Angehörigen das Wochenende als Besuchstage nutzen, erscheinen Regina und Ernst zumeist am Dienstag, um ein, zwei Stunden mit ihren Angehörigen zu verbringen. Für den geschiedenen Ernst wäre das Wochenende ungünstig, denn dann darf er den Besuch seiner Tochter empfangen. Doch für Regina und Ernst sind die pflichtbewußten Besuche zunehmend eine Qual, denn der Professor ist immer seltener ansprechbar, lebt in seiner eigenen Welt, Reginas Mutter kommuniziert allenfalls mit vernichtenden Blicken und vermittelt der Tochter den Eindruck ständiger Mißbilligung. Nach dem Ende ihrer Besuche treffen sich Regina und Ernst immer häufiger auf dem Parkplatz, genießen die Erleichterung, wieder einen Termin überstanden zu haben, reden kurz miteinander. Fast unvermeidlich kommen beide einander näher und beginnen eine hauptsächlich sexuelle Liaison, denn wirklich miteinander zu reden gestaltet sich schwierig. Eines Tages fassen beide den Entschluß, gemeinsam zu verreisen. Nach Malaysia soll es gehen, in ein tropisches Paradies mit luxuriösem Ambiente. doch was vielversprechend beginnt, zerbröselt bald, denn beide sind nicht in der Lage, die Gedanken an ihre Angehörigen zu verdrängen, sondern klammern sich an die Schwierigkeiten und Schuldgefühle, sodaß die entstehende Beziehung schon im Ansatz belastet wird. Ernsts Besuch in einem Tempel, in dessen Innenhof er das qualvolle Sterben einer Schildkröte beobachtet, lassen ihn den Versuch, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen, als vergeblich und sinnlos empfinden. Reichlich distanziert kehrt man heim und damit auch zu den wöchentlichen Besuchen im Altenheim zurück. Professor Sanders Demenz ist fortgeschritten, immer stärker verspürt er eine innere Unruhe, die ihn eines Abends aus dem Heim treibt, leicht bekleidet und barfuß, bis er weit entfernt wieder gefunden werden kann. Selbst Ernst gelingt es kaum ihn zu erreichen, nur Lili, seine Enkelin kann mit ihrer kindlichen Unbefangenheit eine emotionale und unverkrampfte Verbindung herstellen. Für Regina und Ernst scheinen sich dagegen neue Perspektiven zu eröffnen : Regina schließt sich einer Yoga – Gruppe an, Ernst glaubt, das Verhältnis zu seiner geschiedenen Frau lasse sich womöglich wieder einrenken. Allerdings muß Regina feststellen, daß sie schwanger ist …

Einen ungeschönten und – trotz ironischer Unterfütterung – recht drastischen Einblick in die Zustände in der Altenpflege gewährt die 1967 geborene Autorin dem Leser in ihrem dritten Roman „Haus der Schildkröten“. Schnell wird deutlich, daß in diesem zwangsläufig durchstrukturierten System wenig Raum für ungekünstelte Menschlichkeit und Zuwendung bleibt, daß die alten Menschen, um derentwillen eigentlich Pflegeinstitutionen geschaffen wurden, der eigentliche Störfaktor sind. Und das, obwohl man sich allseits bemüht, das Richtige zu tun, sich am Wohl der Bewohner orientiert, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Tagesplanung einarbeitet und vermeintlich liebevoll mit den zu Pflegenden umgeht. Doch schnell sind die Grenzen erreicht, wenn sich etwa eine Bewohnerin in einen männlichen Bewohner trotz des hohen Alters und des körperlichen Gebrechens verliebt, ständig dessen Nähe sucht. Schicklichkeit und erahnte Komplikationen in der Pflege lassen die Heimleitung recht schnell eingreifen, ohne sich allerdings gegen die Sturheit der alten Dame durchsetzen zu können. Das Heim, von der Außenwelt durch kaum nach außen durchlässige Glastüren getrennt, ist ein Kosmos für sich – mit eigenen Gesetzen, eigenen Hierarchien. Am bedrückendsten mag diese Tatsache den Besuchern, also den nächsten Angehörigen erscheinen. Müssen sie zum einen den zunehmenden körperlichen und möglicherweise geistigen Verfall des Vaters oder der Mutter mitansehen, sind sie zum anderen immer wieder mit Schuldgefühlen konfrontiert. Und selbstverständlich entsteht auch eine Ahnung des eigenen, unvermeidlichen Endes, das in dieser Form wohl keinem wünschenswert erscheint. All dies trifft auch auf Regina und Ernst zu, doch verschärft Annette Pehnt hier das Bild noch einmal : denn beide haben auch in ihrem eigenen Leben ernsthafte Probleme, zu kommunizieren, ungefiltert und spontan Nähe entstehen oder zuzulassen, Regina, weil sie immer allein lebte, Ernst, weil er sich nach Scheidung und Verlust seiner Tochter Lili in sich zurückgezogen hatte. So bleiben ihre Kommunikationsversuche angesichts der Sprachunfähigkeit von Reginas Mutter bzw. wegen der Demenz des Vaters von Ernst schnell auf der Strecke, Befangenheit und Schuldgefühle stellen sich unvermeidlich ein. Die Autorin jedoch greift auf einen allwissenden, auktorialen Erzähler zurück, der auch die Gedankenwelt der Senioren erkunden und dem Leser vermitteln kann. Es gelingt ihr dabei, alle Personen glaubhaft zum Leben zu erwecken, niemanden als reine Staffage zu benutzen oder gar zu denunzieren. Selbst Gabriele in ihrer eher rüden und distanzlosen Burschikosität bleibt nachvollziehbar und wenigstens ein bißchen sympathisch. Einige Situationen und Personen sind leicht ironisch überzeichnet, ohne daß sie aber zu einem Zerrbild gerieten, sodaß das Buch trotz des eher bedrückenden Themas und der wenig angenehmen Zustände, die zu schildern unternimmt, immer lesbar, manchmal gar unterhaltsam ist. Auffällig allerdings ist immer wieder der Satzbau. Die Autorin schiebt nicht selten Aussagesätze und wörtliche Rede ineinander, nur durch Kommata getrennt, bildet Aneinanderreihungen von Sätzen und fügt sie mit Kommata beinahe nahtlos aneinander, sodaß sich neben der – beabsichtigten – Intensität ab und an ein Gefühl der Irritation einstellen mag. Das Ende scheint auf den ersten Blick offen, auch wenn man anhand der Persönlichkeitsstrukturen von Regina und Ernst ahnen mag, wie es weitergeht. Und dennoch gibt es ein absehbares Ende für alle – die jungen Protagonisten und auch die Leser : das Alter und dessen institutionalisierte Entwürdigung. Frau Pehnt ist mit „Haus der Schildkröten“ ein interessantes, recht nüchtern und desillusionierend bilanzierendes Buch gelungen, dessen manchmal bedrückende Intensität durch ironische Brechungen dennoch immer lesbar und teilweise sogar unterhaltsam gestaltet wurde.

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