Nach wiederholten Defekten am Computer, zuletzt nur wenige Tage nach einer Modernisierung, habe ich mich entschlossen, meine online – Existenz zu beenden und meinen dsl – Anschluß zu kündigen. Leider fehlt es mir an finanziellen Ressourcen, technischem Sachverstand und in letzter Zeit auch an der Hilfe von Freunden, die es erlaubten, die notwendige technische Ausrüstung ohne allzu große Unterbrechungen bereitzuhalten. Ich danke meinen Lesern und allen Blog – und Forenbetreibern, bei denen ich selbst mitlesen durfte. MFG tinius
Wendy Moore : The Knife Man
Verfasst von tinius am 10. November 2008
In ihrer Biographie befaßt sich die Wissenschaftsjournalistin Wendy Moore mit dem Leben und Wirken des aus Schottland stammenden Mediziners John Hunter. Der wurde als eines von zehn Geschwistern einer Bauernfamilie geboren. Vater und acht seiner Geschwister starben früh. Im Alter von zwanzig Jahren geht er nach London, um bei William, dem zehn Jahre älteren Bruder, eine Ausbildung in der Anatomie zu absolvieren. Williams Vorstellung einer Anatomie – Schule sind gleichermaßen revolutionär wie schwer zu verwirklichen : er garantiert jedem Schüler genügend Leichname, um sich in der Kunst der Sektion zu üben und den anatomischen Aufbau des Menschen durch Anschauung zu erfahren. Da in Großbritannien aber per Gesetz nur jährlich vier, später sechs Leichname Gehängter legal zur Verfügung stehen, ist er – wie viele zeitgenössische Mediziner – auf die Mitwirkung von Leichenräubern angewiesen. John, der schnell sein Talent und handwerkliches Geschick bewiesen hat, wird bald Williams Assistent und damit auch verantwortlich für die Beschaffung der benötigten Körper. Es entwickelt sich unter seiner Ägide ein immer umfassenderes System des Leichenraubes. John Hunter wird zunehmend unentbehrlich für seinen Bruder William. Denn eines unterscheidet die beiden : während William nach gesellschaftlichem Aufstieg und sozialer Anerkennung trachtet, treibt den jüngeren Bruder Forschungsdrang und Lust am Experiment. Als Assistent seines Bruders entwickelt John – im krassen Gegensatz zur in England angwandten, immer noch auf den Grundsätzen der antiken Medizin basierenden Heilkunst – nach und nach wissenschaftliche Methoden. Penible Beobachtung und unzählige Präparationen erlauben ein weitergehendes Verständnis für Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers. Die Ausbildung im Krankenhaus allerdings bleibt für John eher bruchstückhaft, sodaß er praktische Erfahrung zumeist in der Armee erwirbt, als er ab 1760 am Siebenjährigen Krieg als Feldchirurg teinimmt. Da er die traditionellen Praktiken in Frage gestellt, ist bei Kollegen und Vorgesetzten nicht wirklich gut gelitten, eine Tatsache, die ihn sein Leben lang begleiten wird. Erst 1768 wird er eine Stelle als – unbezahlter – Chirurg an einem Krankenhaus erhalten und von seinen Kollegen ständig angefeindet werden. Zurück in London arbeitet er zunächst mit einem Zahnarzt zusammen, befaßt sich mit Zahntransplantationen und widmet sich vermehrt der vergleichenden Anatomie. Nun geraten auch Tiere in seine wissenschaftliche Betrachtung : Vivisektionen, Experimente und Autopsien unzähliger Tiere sollen ihm die Prinzipien des Lebens verdeutlichen und schaffen auf Dauer wissenschaftliche Erkenntnisse, die dem Stand der britischen Wissenschaft weit voraus sind und vor allem religiöse Grundlagen in Zweifel zu ziehen drohen : diese nämlich gehen davon aus, daß die Erde etwa 4000 Jahre zuvor in sieben Tagen erschaffen wurde, daß es zwar verschieden entwickelte Tiere gegeben habe, diese aber von Gott unabänderlich und vollkommen geschaffen worden seien. Doch Hunters Untersuchungen zu Fehlbildungen und Hermaphroditen, ebenso wie einige Knochenfunde, legen nahe, daß Tierarten sich verändern und auch aussterben können. Hunter veröffentlicht seine Schriften meist nur sehr zögerlich. Sie untersuchen solch unterschiedliche Themen wie Aufbau und Erkrankungen der Zähne, die getrennten Kreisläufe von Mutter und Embryo im Uterus oder Geschlechtskrankheiten. Für die letztgenannte Schrift infiziert er sich selbst mit dem Gonorrhoe – Erreger und – unwissentlich – mit dem Erreger der Syphilis, die bis dahin als eine Fortentwicklung der Gonorrhoe gesehen wurde. Zwangsläufig wird Hunter diese These bestätigt finden, obwohl sie falsch ist. Tragischer jedoch sind die Spätfolgen der Syphilis – Erkrankung, die Hunter ab dem fünfundvierzigsten Jahr heimsuchen werden : begünstigt durch ein enormes Arbeitspensum und nur vier bis fünf Stunden Schlaf in der Nacht wird er bis zu seinem Tod an einer Angina pectoris leiden, die Herzanfälle und körperliche Einschränkungen verursachen. Unter wissenschaftlichen Kollegen ist Hunter inzwischen hoch angesehen. Befreundete Ärzte beauftragen ihn immer wieder mit Autopsien, und auch der Vorbehalt der Angehörigen ist spürbar geringer geworden. Zudem gilt er als Fachmann für die Anatomie von Tieren. Und er ist verlobt : Anne Home, Dichterin und Tochter aus wohlhabendem Hause, wird ihn heiraten, sobald er eine Famile ernähren zu können glaubt. Sieben Jahre wird es dauern, denn Hunter gibt sein nicht allzu knappes Einkommen für den Ankauf von Präparaten und seltenen Tieren aus. Als er stirbt, wird er eine Sammlung von twa 15.000 Exponaten besitzen, die die Familie nach seinem Ableben unterhalten sollen. Obwohl er Mitglied der Royal Society ist, mit vielen der Geistesgrößen seiner Zeit bekannt und weitgehend anerkannt ist, bleiben die Konflikte mit Kollegen nicht aus. Seine Ideen, etwa Studenten im Krankenhaus direkt zu unzterrichten, stoßen auf Ablehnung. Auch seine neuen Methoden können sich unter seinen Kollegen niocht durchsetzen, wohl aber unter seinen Schülern, die er in den zurückliegenden Jahrzehnten zu hunderten ausgebildet hatte. Im Alter von fünfundsechzig Jahren stirbt John Hunter während einer Auseinandersetzung mit seinen Kollegen und Vorgesetzten im Krankenhaus. Sein finanzielles Vermächtnis besteht aus Schulden, sein wissenschaftliches reicht von Versuchen zur Transplantation über erste Schritte zur künstlichen Ernährung, Versuche der künstlichen Befruchtung, Erkenntnisse und Forschungen zur Geologie und Paläontologie bis hin zu den ersten Schritten einer Evolutionstheorie.
“The Knife Man” ist eine umfassende und kenntnisreiche Biographie über einen Pionier der modernen Medizin, aber ebenso ein recht anschauliches Bild des achtzehnten Jahrhunderts in Großbritannien und Europa. Die medizinische Behandlung, fußend auf antiken Schriften, beschränkte sich weitgehend auf Aderlässe, das Schröpfen, Trepanationen und Amputationen. Ärzte mieden zumeist den körperlichen Kontakt mit ihren Patienten und überliessen es Chirurgen und Barbieren, die Behandlungen durchzuführen. Während in Kontinental – Europa die Restriktionen seit der Renaissance nach und nach gemildert wurden, mußten britische Anatomen illegal agieren und gegen erhebliche gesellschaftliche Widerstände ankämpfen. Doch vor allem scheiterte die Weiterentwicklung am Beharren der Ärzte und Chirurgen, die alles Neue schnell verwarfen. John Hunter jedoch war der strikten Auffassung, daß nur Anschauung den richtigen Weg zur Behandlung weisen könnte, und daß auch die Ausbildung künftiger Mediziner nur durch Anschauung zu gewährleisten sei, wie es sich auch heute in Wissenschaft und Lehre durchgesetzt hat. Wendy Moore zeichnet das Bild eines energischen, manchmal brüsken und aufbrausenden Mannes, der sein Leben fast ausschließlich der Arbeit und seiner Sammlung von Präparaten und ausgestopften Tieren widmete. Folgerichtig erfährt man nur wenig über den Privatmann John Hunter, denn dieser existiert fast gar nicht. Zwar konnte er bei gesellschaftlichen Anlässen umgänglich und höflich sein, doch entzog er sich, so gut er konnte, zumeist solchen Verpflichtungen, selbst als seine Frau im gemeinsamen Haus einen regelmäßigen Salon hielt. Allenfalls ein kleiner Kreis ebenso begeisterter Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen innerhalb der Royal Society konnte mit seiner Anwesenheit und regem Austausch rechnen. Ansonsten verschwand er schnell wieder in seinem Sektionssaal oder widmete sich dem Unterricht seiner privaten Schüler. Wendy Moore macht es einem zunächst nicht leicht, in das Buch zu finden, meint sie doch gerade in den ersten Kapiteln, ab und an Geschehnisse auf einer halb – fiktionalen Ebene behandeln zu müssen, die aufgrund eines gewissen Pathos und einer immer spürbaren Überhöhung schnell abstoßend wirkt. Doch besinnt sie sich bald und schildert dann mit größerer Sachlichkeit, immer wieder Quellen anführend, den Lebenslauf und das gesellschaftliche Umfeld, läßt Studenten Hunters und etliche Zeitgenossen – von Joseph Haydn über Samuel Johnson, Tobias Smollett, Thomas Gainsborough bis zu David Hume und Benjamin Franklin das Tableau erweitern. Moore ist es gelungen, ein äußerst lebendiges und interessantes Bild des Forschers und seiner Zeit zu entwerfen, bei aller spürbaren Wertschätzung die meiste Zeit sachlich zu schreiben und den Leser auf eine wissenschaftliche Entdeckungsreise zu schicken, an der er seine Freude haben dürfte. Dazu hätte es des allzu reißerischen Untertitels “Blood, Body – Snatching and the Birth of Modern Surgery” (der mir vorliegenden Ausgabe) wahrlich nicht bedurft, denn die Anfänge der Naturwissenschaften, erst recht eine Person, die sich in vielen Gebieten versucht hat, sind spannend genug. Zudem verzichtet die Autorin im Text nahezu vollkommen auf solche Effekthascherei, sodaß, wer sich “Splatter” – Szenen erhoffen mag, in diesem Buch wohl kaum auf seine Kosten kommen wird. Das Buch ist bislang nicht ins Deutsche übersetzt worden, sodaß ich noch kurz etwas zur Sprache sagen möchte : mit gutem bis sehr gutem Schulenglisch und einiger Leseerfahrung wird man den 560 Seiten umfassenden Text, dazu kommt ein Anmerkungs – und Bibliographie – Apparat von knapp einhundert Seiten – im Großen und Ganzen gut erfassen und verstehen können. Allerdings ist die Zuhilfenahme eines Wörterbuches wegen medizinischer, anatomischer und medizinhistorischer Begrifflichkeiten dann doch zu empfehlen, auch wenn manches sich aus dem Kontext erschließt. Davon abgesehen läßt sich diese Biographie flüssig lesen, was auch dem Stil der Autorin zu verdanken ist.
Veröffentlicht in Biographie | 4 Kommentare »
Olga Flor : Kollateralschaden
Verfasst von tinius am 31. Oktober 2008
Zentrum der Handlung ist ein Supermarkt. Hier treffen die unterschiedlichsten Menschen an einem späten Winternachmittag aufeinander, kaufen ein oder begeben sich auf ihren Heimweg. In der Stunde von 16 Uhr 30 bis 17 Uhr 30 entwickelt sich ganz unversehens eine Tragödie aus beinahe nichtigem Anlaß. Unter den Käufern findet sich unter anderem ein gescheiterter Journalist, der wohl auf immer in eine Lokalredaktion verbannt scheint, nachdem er zu intensiv in den Angelegenheiten einer bekannten Politikerin der Rechten gewühlt hatte, diese Politikerin selbst, die nach dem gewaltsamen Tod ihres Ehemannes ihre politische Karriere mit “Law – and – Order” – Parolen und fremdenfeindlichen Ressentiments gestartet hatte, die einst eine Affäre mit dem Parteivorsitzenden auslebte, die nun einem Gleichgewicht des Schreckens gewichen ist, die Angestellte Doris, die ihr Leben nach Ernährungsrichtlinien gestaltet, ihre sozialen Kontakte vornehmlich in einer Selbsthilfegruppe findet, jedoch dem Süßwarenregal nicht wirklich widerstehen kann oder Anna, deren Ehemann jähzornig und, wie es scheint, gewalttätig ist, die sich in der Kunst des Arrangements übt. Wir treffen auf Horst, einen Pensionär, der einst im Stadtplanungsamt gearbeitet hatte, sich nach alten Zeiten der Beschäftigung zurücksehnt und nun auch noch durch die Krebserkrankung seiner Frau, deren Operation gerade während seines Einkaufs stattfindet, schwer beunruhigt ist, den Stadtstreicher Anton, dem von der Marktleiterin der Eintritt verweigert wird und der sich, weil er sich ungerecht behandelt fühlt, mittels einer anonymen Bombendrohung rächen will. Doch durch Ungeduld und Unaufmerksamkeit wendet er sich an die falsche Filiale. Dort nun sammelt sich ein ungeahntes Polizeiaufgebot und wird später – durch die ursprüngliche Bombendrohung sensibilisiert – auch am Ort der Handlung eintreffen. Jede der Figuren ist in seinen Gedanken und Wahrnehmungen gefangen, Kommunikation findet kaum statt, allenfalls nonverbal oder sehr oberflächlich, neutral und vor allem abweisend. Selbst die Marktleiterin ist nicht in der Lage, sich den Namen einer Kassiererin zu merken, der Azubi Tobias wird mit Hilfsarbeiten in Beschäftigung gehalten, verantwortungsvollere Tätigkeiten bleiben ihm verwehrt, nachdem ihm ein von ihm nicht zu verantwortender Fehler zugeschrieben worden war. Er träumt von Markenturnschuhen als Statussymbolen, die ihm wegen der geringen Ausbildungsvergütung unerreichbar scheinen. Doch er wird seine Chance nutzen. Als Doris zum Treffen ihrer Selbsthilfegruppe fährt, kollidiert sie mit etwas Unbekanntem : ob Wild oder Mensch kann nicht geklärt werden, da das Unfallopfer nicht zu finden ist. Zu allem Unglück hat sie bei ihrer aufgeregten Suche auch noch die Autoschlüssel im Zündschloß stecken lassen, die Türen verriegelt. Hilfsangeboten begegnet sie mißtrauisch und schlägt lieber ein Seitenfenster ein. Im Supermarkt bahnt sich derweil eine Katastrophe an : Mo (Morgan) hat vor, im Supermarkt einen Durchgang im “Parkour”, einer französischen Trendsportart, in der alle natürlichen Weghindernisse ohne Hilfsmittel überwunden werden müssen, zu absolvieren und sich von seinem Freund Sid dabei filmen zu lassen. Mo ist Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die sich trotz guter Ausbildung mit Putzjobs über Wasser halten muß, und er versucht, mit solchen Aktionen, der Beengtheit und Trübe seines Alltags zu entgehen, eine Gegenwelt mit Adrenalinrausch und (vermeintlicher) Anerkennung zu schaffen. Doch diesmal geht es schief : in den Gängen des Marktes verliert er den Halt und reißt einen Kunden zu Boden, der verletzt liegen bleibt. Sowohl der Journalist als auch die Politikerin vermuten sofort, es handele sich um einen Terroranschlag, der – bei aller Bedrohung – beiden nicht wirklich ungelegen käme. Dies allerdings hat unabsehbare Folgen….
Olga Flor erzählt ihre Geschichte fast ausschließlich aus der Gedankenwelt ihrer Figuren, ihren Wahrnehmungen. Sie setzt in ihren minütlich unterteilten Kapiteln Fragmente der Bewußtseinsströme der Kunden und einiger Angestellter mosaikartig zusammen, die sich hauptsächlich mit sich selbst, mit ihren Enttäuschungen und privaten Katastrophen beschäftigen, die andere nur am Rande und vehement abwehrend wahrnehmen. Niemand scheint willens oder fähig, seine eigene Gedankenwelt zu verlassen, Kontakt aufzunehmen, die Vereinzelung zu durchbrechen und zu kommunizieren. Begegnungen bedeuten ausschließlich Abwehr, Ablehnung, kritische Musterung und entsprechendes gedankliches Kommentieren. Da in den engen, regalbewehrten Gängen des Supermarktes unvermeidlich sind, entsteht ein Geflecht von Reflexionen, die aufeinander Bezug nehmen, vorantreiben und den Erzählstrom, auch mithilfe der chronologischen Unterteilung, einen erzählerischen Zusammenhang geben, der das Fragmentarische zu einer Geschichte zu bündeln vermag. Allerdings ist vom Leser konzentriertes Lesen verlangt, um die Gedankenbruchstücke konsequent den Figuren zuordnen zu können. Am meisten Raum gewährt die Autorin der rechtsextremen Politikerin, die gelernt hat, in fast allen Situationen die Kontrolle zu behalten, Schwächen zu kaschieren und den Zeitgeist in griffige Parolen zu verpacken. Ihre Weltsicht transportiert die Vereinzelung, das Abwehrverhalten, das Sich – Einrichten in der kleinen persönlichen Welt, am subjektiv empfundenen Elend in das Allgemeine, in die Wahrnehmung der Gesellschaft und findet entsprechend Zustimmung. Ihr und allen anderen gegenübergestellt ist ausgerechnet Mo, der seine kleine Welt so nicht akzeptieren mag, der sich zumindest eine Traumwelt schafft, in die er ab und an ausbrechen kann. Daß sein – im wörtlichen Sinne – Fehltritt zu einer ungeahnten Eskalation führt, ist nicht ihm anzulasten, sondern der Ich – Bezogenheit und mangelnden Kommunikationsbereitschaft des Journalisten und der Politikerin. Und dennoch ahnt man als Leser, daß selbst eine solche Minimalrevolution in einem solchen menschlichen Umfeld gründlich mißlingen muß. Olga Flor gelingt es immer wieder, schmerzhaft genau zu beobachten, mit knappen aber detaillierten Strichen ein gesellschaftliches Abbild im Kleinen zu schaffen und einer stimmigen Diagnose zu kommen, als befundete sie anhand eines Zellabstriches unter dem Mikroskop die Krankheit eines ganzen Körpers. Es ist ihre Stärke, nicht zu einer System – oder Gesellschaftskritik anzuheben, sondern dem Leser letztlich die – allerdings kaum vermeidbare – Wertung zu überlassen. Der wird sich, sofern er sich nicht durch die Anforderungen des Textes abschrecken läßt, willig dahin geleiten lassen, fasziniert durch eine höchst ausgefeilte Konstruktion, gekonnt gesetzte Spannungsbögen und nachvollziehbare, lebendig erscheinende Personen, deren Glaubwürdigkeit über gut 200 Seiten erhalten bleibt. Auch im Sprachlichen bleibt Olga Flor eher nüchtern, klar und präzise, zwei oder drei Austriazismen stellen kein Hindernis bei der Verständlichkeit dar. So ist dieses Buch in meinen Augen nicht zu Unrecht in dier Longlist des Deutschen Buchpreises aufgenommen worden, eher verwundert, daß ihm die Berücksichtigung auf der Shortlist verwehrt geblieben ist. Olga Flors Roman ist für mich ein interessanter, frischer und formal wie sprachlich Beitrag zur deutschsprachigen Literatur der Gegenwart, dem ich viele interessierte Leser wünsche.
Veröffentlicht in Oesterreich | 2 Kommentare »
SWR – Bestenliste November 2008
Verfasst von tinius am 25. Oktober 2008
1
Volker Braun : Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer
Prosa, 221 S., Suhrkamp Verlag
2
Alice Munro : Wozu wollen Sie das wissen ?
Elf Erzählungen
Erzählungen, 380 S., S. Fischer Verlag
3
Uwe Tellkamp : Der Turm
Geschichte aus einem versunkenen Land
Roman, 972 S., Suhrkamp Verlag
4
Denis Johnson : Ein gerader Rauch
Roman, 880 S., Rowohlt Verlag
5 – 6
Christian Kracht : Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten
Roman, 160 S., Verlag Kiepenheuer und Witsch
Kenzaburo Oe : Sayonara meine Bücher
Roman, 365 S., S. Fischer Verlag
7
Norbert Niemann : Willkommen neue Träume
Roman, 608 S., Carl Hanser Verlag
8
Judith Kuckart : Die Verdächtige
Roman, 287 S., DuMont Verlag
9
María Cecilia Barbetta : Änderungsschneiderei Los Milagros
Roman, 334 S., S. Fischer Verlag
10
Petra Morsbach : Der Cembalospieler
Roman, 288 S., Piper Verlag
Persönliche Empfehlung von :
Jens Jessen (Hamburg) :
Dietmar Dath : Die Abschaffung der Arten
Roman, 555 S., Suhrkamp Verlag
Ich danke dem SWR für die Genehmigung zur Veröffentlichung in meinem Weblog. Das Copyright liegt beim SWR und den Juroren.
Veröffentlicht in SWR - Bestenliste | 4 Kommentare »
Iris Hanika : Treffen sich zwei
Verfasst von tinius am 20. Oktober 2008
In einer warmen Augustnacht flüchten Thomas und Senta aus ihren Wohnungen in eine Kreuzberger Kneipe. Ihre Begegnung ist der Beginn einer Liebesgeschichte, die mit dem ersten Blick beginnt und nach zehn Tagen vorerst endet. Beide empfinden das Aufeinandertreffen als schicksalhaft, scheint doch jeder dem Idealbild des Anderen zu entsprechen. Schnell landen beide miteinander im Bett, trennen sich wieder, um ihrer Arbeit nachzugehen. Doch schon die zweite Begegnung läßt Irritationen deutlich werden. Senta hatte Zeit gehabt, nachzudenken, diese ihr unheimliche Liebesgeschichte infragezustellen, und verhält sich zunächst abweisend und distanziert. Thomas kann damit überhaupt nicht umgehen, und auch als es Senta gelingt, die Situation zu entspannen und selbst zu ihrer Unbefangenheit zurückzukehren, bleibt ein leichter Schatten zurück. Beide stammen aus unterschiedlichen Welten : Thomas ist Systemberater, Senta hatte einst ein Studium der Literaturwissenschaft abgebrochen und arbeitet nun in einer Galerie. Zwischen beiden herrscht eine starke körperliche Anziehung und die nicht benennbare Gewissheit, daß sie für einander bestimmt seien. Doch haben sie einander nur wenig zu erzählen. Selbst über ihre sexuellen Begegnungen wird nicht gesprochen, sodaß auch diese nicht wirklich unproblematisch verlaufen. Senta, die stark depressive Züge zeigt, schnell zu Tränen neigt, nimmt dies zum Anlaß, immer mehr Zweifel und Selbstzweifel zu entwickeln, versinkt in Grübeleien und Selbstvorwürfen und stillen Beschimpfungen von Thomas. Thomas bemüht sich dagegen, jeglichem Konflikt aus dem Wege zu gehen, versucht behutsam neutrale Gespräche zu führen und dadurch Anknüpfungspunkte zu finden. Als sich Senta mit ihrer besten Freundin Alina aussprechen will, verprellt sie auch diese. Doch der Abend gipfelt in einer vorläufigen Katastrophe. Sie hat sich betrunken und konfrontiert Thomas, der sie von ihrem Treffen in einer Pizzeria abholen will, mit lauter Stimme vor Personal und Gästen des Restaurants sowohl mit ihren Beschwerden über die gemeinsam verbrachten Nächte als auch mit einer ungestümen Liebeserklärung. Thomas, der sich bloßgestellt fühlt, fährt sie wortlos nach Hause und bricht den Kontakt rigoros ab. Beide leiden unter dieser Trennung, auch wenn es beiden zunächst recht zu sein scheint. Thomas vergräbt sich in seine Arbeit, Senta versinkt nun endgültig in Depressionen und Aggression gegen Thomas. Dieser, ermutigt durch seinen iranischen Chef, beginnt die Situation in der Pizzeria zu überdenken und sachlich zu analysieren, sodaß es ihm nun möglich wird, Strategien für einen Ausweg aus der Krise zu überlegen. Doch verhält er sich zunächst nur zögerlich. Es ist dann Senta, die – von einem unbewußten Impuls getrieben – die Gelegenheit einer Wiederbegegnung schafft, als sie den Hinterhof von Thomas’ Haus besichtigt, wo sie von Thomas entdeckt wird. Bald kann ein Neuanfang gewagt werden….
“Treffen sich zwei” ist der Beginn einer altbekannten Formel zur Einleitung eines Witzes, der meist darauf beruht, daß sich die Kommunikation der beiden Beteiligten in Richtung eines Mißverständnis bewegt, aus dem dann die Pointe entwickelt wird. Iris Hanika hat aber mit diesem Buch keinen Witz auf knapp 240 Seiten aufgebläht, allerdings die Tücken der (fehlenden) Kommunikation zu einem der Themen ihres Buches gemacht. Ihre beiden Protagonisten sind beide im vierten Lebensjahrzehnt, haben jeder ihre Beziehungserfahrungen gemaccht und bewußt oder unbewußt Strategien entwickelt, um mit Liebe und Beziehung umgehen zu können. Senta Bergner, deren Namenspatronin allerdings eher in der den Liebestod sterbenden weiblichen Hauptrolle der Wagner – Oper “Der fliegende Holländer” als in der Schauspielerin Senta Berger zu suchen ist, scheitert in ihren Beziehungen regelmäßig, nicht zuletzt auch deshalb, weil ihre Wünsche nach Romantik nicht erfüllt werden können. Wenn der Liebeskummer unerträglich wird, flüchtet sie voller Idealismus in eine neue Beziehung, die jedoch schnell durch ihre Depressionen und Zweifel unterminiert wird. Thomas dagegen hat gelernt, Konflikte zu vermeiden, unverfänglich zu bleiben und sich möglichst an den jeweiligen Partner anzupassen. Aber auch er hat das Bedürfnis nach Romantik, dem Idealen. Und so scheint die Begegnung der beiden Figuren wirklich vielversprechend. Ihr Sexualleben gestaltet sich, soweit es die Autorin andeutet, eher ungestüm und knapp. Doch eigentlich hätten beide das Bedürfnis, es langsamer und zärtlicher angehen zu lassen, ohne dies jedoch kundzutun. Und so passt sich jeder – vermeintlich – dem anderen an und vernachlässigt dabei die bei beiden vorhandenen tatsächlichen Bedürfnisse, bis es in der Pizzeria zum Eklat kommt. Darin liegt eine gewisse Ironie, ebenso wie in der Kluft der gerade von Senta durch Kleistzitate und Versen aus der Popmusik erhofften Romantik und dem alltäglichen Erleben. Dennoch ist es nicht wirklich ein ironischer Roman, auch wenn eine gewisse Distanz der Autorin zu ihren Figuren, eine manchmal romantisch überhöhte und auf den Leser bombastisch wirkende Sprache diesen Effekt verstärkt. Genau diese Sprache könnte dem Leser aber den Einsteig erschweren und ihn gewisse Abwehrreflexe entwickeln lassen, doch ist sie für die Figur der Senta geradezu folgerichtig und konsequent, sodaß ein Weiterlesen unbedingt zu empfehlen ist. Der Leser ist im ganzen Buch eingeladen, sich auf (literarische) Spurensuche zu begeben, denn es finden sich höchst unterschiedliche Anspielungen, Zitate und Paraphrasierungen von Kleist über Rilke zu Jelinek oder Sexualratgebern etwa von Alex Comfort. Iris Hanika, die vordem vor allem kleinere Prosastücke geschrieben hatte, gestaltet die aus wechselnder Perspektive der beiden Protagonisten geschriebenen Kapitel relativ kurz, garniert sie mit Einschüben, in denen etwa Problemmanagementstrategien angerissen werden, ein Ausflug in die Geschichte des “Engelbeckens”, einer von Kreuzberg nach Berlin – Mitte verlaufenden Grünanlage, gemacht wird oder die Vorteile von Quickies auf einer sachlichen, dennoch werbenden Ebene abgehandelt werden. Dies macht, neben der temporeich erzählten Geschichte, einen Reiz des Buches aus. Iris Hanika beschränkt sich auf ein sehr kleines Ensemble von Figuren, von denen die meisten, außer den Protagonisten, meist im Hintergrund bleiben. Nur Alina, Sentas Freundin, die Arbeitgeber von Senta und Thomas haben an jeweils einer Stelle einen markanten Auftritt. Und selbst Thomas ist mehr notwendiger Antagonist als wirklich im Zentrum des Buches. Iris Hanika, die sich vor allem auf die autobiographisch angelegte Figur der Senta konzentriert, vermag es aber dennoch, Thomas genug Leben einzuhauchen, damit er nicht als Staffage mißachtet werden kann, auch wenn man allzu schnell bereit ist, ihn als einen typischen Vertreter des männlichen Geschlechts abzubuchen. Doch er bleibt sympathisch, bemüht sich um Beziehung und Senta, auch wenn er von der hysterisch – deopressiven Senta bald überfordert scheint. Und diese ist in voller Entfaltung nur schwer zu ertragen, für Thomas, den Leser und auch für sich selbst. Aber gerade ihre depressiven Grübeleien, ihre aggressiven Ausbrüche bieten zumindest im Kern auch einen Wiedererkennungswert, der hier allerdings potenziert und damit für ihre Mitmenschen unverträglich wird. Das Buch ist wunderbar klug konstruiert, sehr angenehm zu lesen und bietet Literatur und Unterhaltung auf hohem Niveau. sodaß es mich nicht wundert, daß es den Weg auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2008 genommen hat.
Veröffentlicht in Deutschland | 6 Kommentare »









