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Gelegentliche Mitteilungen aus meinem Bücherregal

Kathrin Röggla : really ground zero

Verfasst von tinius am 18. Juli 2007

Kathrin Röggla hält sich als Stipendiatin des Deutschen Literaturfond in New York auf, als die beiden Gebäude des World Trade Centers kurz nacheinander durch Passagierflugzeuge getroffen und letztendlich zerstört werden. Ihr Appartment liegt nicht mehr als einen Kilometer vom Ort des Anschlags entfernt. Nur wenige Stunden später beginnt sie, ihre Eindrücke und Beobachtungen niederzuschreiben, Fotos zu machen und mit einem Rekorder Töne und Äußerungen einzufangen, nicht zuletzt, um das kaum oder gar nicht fassbare Geschehen irgendwie zu verarbeiten. Entstanden sind 22 kurze Prosastücke und einige in den Text eingefügte Fotographien, die die von ihr erlebten Ereignisse, Äußerungen von Politikern, die Stimmung auf den Straßen und in den Räumen New Yorks nahezu dokumentarisch, meist realistisch wiedergeben. Die Texte erschienen teilweise vorab in der Tageszeitung TAZ, sind in diesem Buch gesammelt und veröffentlicht, einige Zeit später mit den von ihr aufgenommenen Originaltönen zu einem Hörspiel gestaltet worden. Sie reichen von nur kurzer Zeit nach dem Anschlag bis zu den ersten Kriegshandlungen in Afghanistan. Kathrin Röggla bildet die anfängliche kollektive Panik und Hysterie ebenso ab wie das sehr schnelle Umschwenken der Regierungspolitiker zu militärischen Vorhaben und Jargon. Sie konstatiert eine zunehmende Vermischung politischer und religiöser Denk – und Sprachweisen. Ihr entgeht nicht, daß im Laufe der Zeit in New York selbst die Stimmung leicht anders ist als im Rest der Vereinigten Staaten. Die Stimmungen sind zunehmend diffus, die anfängliche Panik hat sich in die eher privaten Bereiche zurückgezogen. Während die USA eher eine – martialische – Geschlossenheit nach außen zeigen, findet sich in New York eher eine Verbundenheit miteinander und das Bemühen, so schwer es auch fallen mag, den Alltag wieder zu gestalten und zu meistern. Die Autorin bemüht sich, aus ihren Beobachtungen Rückschlüsse auf das gesamte Land zu ziehen, das fehlende Bewußtsein, die Rolle der kritischen, eher oppositionellen Intellektuellen….

Zuerst sei ein möglicher Leser darauf hingewiesen, daß sich in diesem Buch seitenweise Statements und Äußerungen amerikanischer Politiker und anderer Personen in englischer Sprache finden, die die Autorin unmittelbar aus ihren Tonaufzeichnungen und Mitschnitten amerikanischer Fernsehsendungen in ihre reportagenhafte Texte übernommen hat, ohne sie zu übersetzen. Dies fördert natürlich die von ihr angestrebte Authentizität, kann aber manchem das Lesen erschweren. Entstanden sind 22 zumeist intensive, realistische Prosaminiaturen, Beobachtungen, die einen Einblick in die Wirkungen einer einschneidenden Katastrophe ermöglichen, ohne jedoch ein einziges Mal die Grenze des Voyeurismus zu berühren oder gar zu überschreiten. Einiges scheint – durch die Entstehung im Jahre 2001 und die militärischen Aktionen im Irak – nicht mehr ganz aktuell, sehr vieles aber ist aufschlußreich und entwirft ein realistisches Bild einer Stadt und eines Landes im Ausnahmezustand. Manches Mal aber liegt der Verdacht nahe, daß Kathrin Röggla ein vorgefasstes Bild Amerikas, seiner Menschen und seiner Politik hat, zu stereotyp scheint sie gängige Klischees und Vorurteile zu spiegeln, doch bleibt immer wieder ein Zweifel, ein Reflektieren des eigenen Erlebens und ihres Schreibens ihre Begleiterin, sodaß die Texte nicht in Polemik abgleiten. Und oft genug erkennt man ihre eigene Unsicherheit in dieser Ausnahmesituation, hin und wieder ein ehrliches Erstaunen. Wer sich mit dem Thema des 11. September auseinandersetzen möchte – und aktuell wird es für einige Zeit bleiben – ist mit diesem Buch gut beraten. Zudem sind die sprachlichen Fähigkeiten der Autorin auch in diesem Band ein weiteres Highlight, auch wenn das naturgemäß mehr im Hintergrund steht als in ihrem Roman „wir schlafen nicht“.

Weitere Rezensionen :

wir schlafen nicht

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