Daniel Kehlmann : Beerholms Vorstellung
Verfasst von tinius am 21. Oktober 2007
In zwölf Kapiteln berichtet der Ich – Erzähler Arthur Beerholm sein bisheriges Leben. Einen Monat lang hat er sich dafür auf der Aussichtsterrasse eines Fernsehturmes eingerichtet, um danach ein letztes Experiment zu wagen. Kurz nach seiner Geburt wird Beerholm von einem wohlhabenden, aber älteren Ehepaar adoptiert. Der Tod der Adoptivmutter durch einen Blitzschlag wird zum einschneidenden Erlebnis, umso mehr als das Verhältnis zum sechzigjährigen Adoptivvater eher problematisch ist. Als der seine um vieles jüngere Haushälterin heiratet, wird Arthur in ein Schweizer Internat geschickt. Hier wird er mit zwei Dingen konfrontiert, die sein Leben prägen werden : mit der Mathematik und den naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten einerseits und Kartenzaubertricks, die er sich dank seiner mathematischen Begabung leicht aneignen und später auch verbessern und ausbauen kann. Doch die Mathematik birgt auch ungeahnte (metaphysische) Abgründe, die ihn immer mehr in Bann ziehen. So ist es fast folgerichtig, daß er nach der Reifeprüfung ein Theologiestudium beginnt. Allerdings bricht er es ab, nachdem er das Schweigen während eines längeren Klosteraufenthaltes nicht hatte aushalten können. Von nun an ist er sich sicher, daß es der Weg der Magie ist, den zu gehen er bestimmt ist. Mit Mühe, aber letztendlich erfolgreich, kann er einen Zauberkünstler dazu bewegen, ihn auszubilden. Beerholm zeigt eine hohe Begabung und kann bald auftreten. Seine Kunststücke erregen schnell Aufmerksamkeit und garantieren hohe Zuschauerzahlen. Seine Bühnenzaubereien sind wohldurchdachte, auf Naturwissenschaft beruhende „Tricks“, allerdings kommt es immer wieder zu Situationen, in denen die naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten aufgehoben scheinen, in denen echte Zauberei am Werk scheint : beinahe beiläufig kann er Gedanken lesen, bringt einen Busch zum Brennen, ja, selbst seine Freundin Nimue scheint er vor der ersten Begegnung selbst entworfen zu haben, auch wenn sich dann in realiter einige Abweichungen ergeben. Seine wirklich magischen Fähigkeiten machen ihn zunehmend fassungslos, bewirken aber auch, daß ihn die Bühnenkunststücke mehr und mehr langweilen….
Der Leser dieses eloquenten und stilistisch sicheren Romans ist mit Sicherheit nicht schlecht beraten, wenn er dem Protagonisten und Ich – Erzähler Beerholm (und damit dem Autor Daniel Kehlmann) mit einiger Vorsicht begegnet, denn bei aufmerksamer Lektüre läßt sich eine gewisse Doppelbödigkeit dieser Lebensgeschichte erkennen, denn immer wieder gibt es Anzeichen dafür, daß uns die Vorstellung eines Illusionisten geboten wird. Beerholm selbst ist ein unterhaltsamer und interessanter Erzähler, eine Figur, die lebensnah und beinahe sympathisch wirkt. Sein Werdegang ist in großen Teilen nachzuvollziehen, jedoch wird sich kaum ein Leser mit ihm identifizieren können oder wollen, denn durch den ganzen Roman hindurch wirkt er beinahe autistisch. Gefühle und Erfahrungen finden beinahe ausschließlich in seinem Inneren statt, seine Beziehungen zu anderen Menschen, seine Kommunikation wirken eher rudimentär (und auf das Thema des Romans reduziert). Selbst seine „Freundin“ Nimue taucht immer nur am Rande auf, zu einer Interaktion der beiden kommt es kaum. Und dennoch bleibt das Buch bis ins Letzte glaubhaft, was sich nicht zuletzt der ausgefeilten Erzähltechnik und der stilistischen Sicherheit des Autors verdankt, der in diesem Debütroman von 1997 erstaunliche handwerkliche Fähigkeiten und wirklich hohe Erzählkunst zeigt. Dadurch hat der Leser ein unterhaltsames, ja, mitreißendes und nicht zuletzt auch nachdenkliches Buch in Händen, dessen Lektüre er wohl kaum bedauern dürfte. Nicht zuletzt kann man das Zaubern als Analogie zum Schreiben, den Magier als Schriftsteller sehen, sodaß sich äußerst interessante Einblicke in die Kunst der Literatur und die Rolle des Autors ergeben. Sicher hätte der Roman weniger monothematisch, raumgreifender in andere Wirklichkeitsbereiche ausfallen dürfen, und doch wird man das beim Lesen selten oder gar nicht als Beschränkung empfinden.











