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Gelegentliche Mitteilungen aus meinem Bücherregal

Jakob Hein : Herr Jensen steigt aus

Verfasst von tinius am 15. Mai 2008

Für das, was kommt, ist Herr Jensen nicht wirklich gerüstet : schon in der Schule eher ein Außenseiter, versehen mit einer unüberwindbaren Kontaktscheu, die ihn an Freunde, Frauen gar, überhaupt nicht denken lassen, hat er als Zusteller bei der Post ein wenig Geborgenheit gefunden. Als Ferienjob hatte es begonnen, später sein naturwissenschaftliches Studium, das er unvermittelt abbrach, mitfinanziert. Unversehens wurde eine reguläre Tätigkeit daraus, auch wenn er in den Akten weiterhin als studentische Aushilfskraft geführt wird. Seine Arbeit erledigt er bedächtig und nach einem recht eigenen System. Doch nach fünfzehn Jahre kommt die Kündigung. Um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, wird er entlassen, denn schließlich ist er kein gelernter Postler, das Stammpersonal aber zu schützen. Von einem Tag auf den anderen ändert sich Herrn Jensens Welt vollkommen : ein Wecker ist – ohne Alarmfunktion – nur noch eine Uhr, die Strukturen des Tages verschwimmen, Geldmangel fordert Einschränkungen und die Stunden sind kaum zu füllen. Allmählich gewöhnt sich Herr Jensen an die ungewohnte Leere, freut sich über jede Stunde, die er länger schläft, bis ihn ein Termin beim zuständigen Arbeitsamt aus der gewohnten Reglosigkeit reißt. Im Wartesaal trifft er auf einen Schicksalsgenossen, einen Kellner, der mit einer Fortbildung just in der Branche bedacht wurde, aus der er selbst gerade entlassen worden war. Herr Jensen selbst wird von der Sachbearbeiterin vor die Alternative gestellt, entweder eine Kürzung seiner Unterstützung hinzunehmen oder ebenfalls eine Eingliederungsmaßnahme – im Gaststättenbereich – zu absolvieren. Gezwungenermaßen nimmt Herr Jensen daran teil : sechs Wochen lang wird er in einem abbruchreifen Gebäude, dem Schulungszentrum, mit wenig fachgerechten und praxisfernen Vorträgen berieselt. Das Ende der Fortbildung bringt unverhoffte Erleichterung : das Arbeitslosengeld ist gesichert und Jensen kann sein Leben wieder frei gestalten. Und dieser Neubeginn bringt Änderungen mit sich : Jensen hat sich eine Aufgabe gestellt. Ausgerüstet mit vier Videorekordern versucht er, das Geheimnis der täglichen Talkshows zu ergründen. Sozialkontakte hat er kaum noch, denn seine Antwort „Nichts“ auf die Frage, was er denn tagtäglich tue, beendet schnell jedes Gespräch. Er schaut sich also Talkshow um Talkshow an, protokolliert und sinniert, bis er den Sinn dieses Formats ergründet zu haben meint : sie definierten moralische und gesellschaftliche Standards und definierten damit soziale Außenseiter. Jensen nimmt das persönlich. Mit dem Ende seiner empirischen untersuchung wirft er, gut überlegt und ohne größere Emotion, den Fernseher und die Videorekorder aus dem Fenster. Die letzten Nachrichten aus der Außenwelt erreichen ihn über den Briefkasten, in dem er auch eine weitere Einladung des Arbeitsamtes findet. Die Sachbearbeiterin kündigt ihm eine Absenkung der Unterstützung auf ein Minimum an, denn dem Staat gehe es wegen der wegbrechenden Konjunktur immer schlechter. Doch Jensen beharrt darauf, daß sich in seiner Umgebung nichts wirklich verändert habe, sich also auch gesamtgesellschaftlich nichts verschlechtert haben könne. Die Sachbearbeiterin gibt die Diskussion entnervt auf. Jensen verharrt, nachdem er seinen Briefkasten abmontiert hat, nun in vollkommener Untätigkeit. Allenfalls spürt er – vergeblich – dem geheimen Leben der Pflanzen nach. Er ahnt eine Verschwörung….

Jakob Hein, Sohn des Schriftstellers Christoph Hein und Facharzt für Kinder – und Jugendpsychiatrie, beschreibt in seinem ersten fiktional erzählenden Werk ein – leicht überzeichnetes – Leben in Zeiten von Hartz IV. Sein Protagonist, der schon als Persönlichkeit eher eingeschränkt zu sein scheint, wird durch die Arbeitslosigkeit auch noch aller verbliebenen Annehmlichkeiten und essentiellen Dinge beraubt. Dabei ist das Geld der geringste Verlust, auch wenn fast alle Freizeitunternehmungen und Kontaktmöglichkeiten in den modernen Zeiten mit einer finanziellen Gegenleistung verknüpft zu sein scheinen. Mehr jedoch trifft ihn der Verlust der Tagesstruktur, der Bindungen in ein Arbeitsumfeld und der gesellschaftlichen Rolle, so unbedeutend sie vorher auch gewesen sein mag. Stattdessen wird er mit der Absurdität der Bürokratie konfrontiert, die sinnlose und qualitativ minderwertige Fortbildsungsmaßnahmen erzwingt, die letztlich ins Leere führen müssen. Bis zu diesem Punkt scheint der Titel des vorliegenden Romans den Leser offensichtlich zu täuschen, denn nicht „Herr Jensen steigt aus“, sondern die Gesellschaft verstößt den Protagonisten. Doch Herr Jensen, dessen Vornamen wir niemals erfahren, geht darüber hinaus : etwa in der Mitte des nicht sehr umfangreichen Buches verweigert sich Jensen komplett : der Gesellschaft, den Anforderungen des Arbeitsamtes und der empirisch nicht nachweisbaren Wirklichkeit, die er allenfalls in Fernseh – oder Radiosendungen oder in Zeitungen wahrnehmen kann. Das Hinauswerfen des Fernsehapparates wird zum Fanal seiner Verweigerung, aber auch der Anfang eines Realitätsverlustes größeren Ausmaßes, eines zunehmenden Verschwinden Jensens aus der Wirklichkeit. Jakob Hein schildert seinen Protagonisten distanziert, in einem eher kargen Stil. Beinahe wie ein Protokoll eines Zerfalls mutet der Text bisweilen an, ohne jedoch Jensen seiner höchst eigenen und eigenwilligen Persönlichkeit zu berauben, ohne die komischen Momente auszublenden. Die Trockenheit der Erzählung unterstützt vielmehr die unfreiwillige Komik der Unbeholfenheit Jensens, mehr aber noch die bitter – komische Absurdität der wirtschaftlichen und sozialen Realitäten im einundzwanzigsten Jahrhundert. Das Buch ist ein Balanceakt zwischen politischer Analyse und literarischer Erzählung, sodaß nicht wirklich jeder daran Gefallen finden wird. Dennoch scheint mir Hein diese Gratwanderung gelungen, sein Protagonist nicht zu einem Sprachrohr einer – nicht unberechtigten – Programmatik degradiert. Dazu ist Jensen zu eigen, zu sympathisch und zu konsequent absurd. Er erinnert an Bartleby, den Schreiber, diese unvergeßliche Figur Melvilles, die sich allen Anforderungen bis zur letzten Konsequenz verweigert. „Herr Jensen steigt aus“ ist ein unterhaltsames, nachdenklich machendes Buch, jedoch kein literarisches Juwel. Stil und Sprache sind dem Thema und auch der Person des Protagonisten so angemessen, daß manchmal aufkeimende Wünsche nach etwas fülligerer Erzählweise durch die Vorgaben in Jensens Persönlichkeit und das soziale Aushungern verstummen müssen. Herr Jensen wird einem Leser ebenso im Gedächtnis bleiben wie Jakob Heins Erzählstil.

2 Antworten zu “Jakob Hein : Herr Jensen steigt aus”

  1. ich habe den herrn jensen als hörbuch kennen gelernt, in dem es durch den sprecher eine ganz eigene qualität entfaltet. sicherlich handelt es sich um kein literarisches juwel, aber um einen zeitgemäßen denkanstoß. ich bin dadurch entspannter geworden und habe tatsächlich auswirkungen auf mein ganz reales leben feststellen können. mehr kann man doch nicht erwarten. ;)

  2. tinius sagte

    Da ich das Buch ja ebenfalls eher gelobt als verrissen habe, läßt sich auf den Kommentar schwerlich etwas erwidern. Daß ein Buch Gedanken anregt, die möglicherweise ins reale Leben hineinwirken, scheint mir ein jeweils subjektiver und nicht zu verallgemeinender Glücksfall, aber nicht unbedingt eine unabweisbare Forderung an Literatur. Erwarten könnte man dennoch schon einiges, zumindest, wenn man denn Literatur als eine Gattung der Kunst zu betrachten gewillt ist. Und da ist man – oft wider besseres Wissen – auf der Suche nach eben jenem literarischen Juwel. ;)

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