Ulf Erdmann Ziegler : Hamburger Hochbahn
Verfasst von tinius am 26. September 2008
Anfang des Jahres 2002, etwa vier Monate nach den Anschlägen am 11. September, begleitet der Architekt Thomas Schwarz seine Freundin, die Künstlerin Elise Katz, auf einer Reise in die Vereinigten Staaten. Keine der Metropolen ist das Ziel, sondern St. Louis. Während sich Elise der Vorbereitung und Umsetzung des bei ihr bestellten Kunstwerkes widmet, bleibt Thomas genug Zeit, seine Bekanntschaft mit den Vereinigten Staaten, in denen er in seiner Jugend ein Jahr als Gastschüler verbracht hatte, aufzufrischen, Kontakte zum Architekturfachbereich der Universität zu knüpfen und über seinen bisherigen Lebensweg nachzusinnen. Denn er ist eingeladen, seinen Werdegang in einem Seminar zu schildern. Aus seinen Erinnerungen wird ein autobiographischer Roman enstehen. Schwarz wuchs in den sechziger und siebziger Jahren in der beschaulichen Mittelstandsidylle Lüneburgs auf, besuchte das Gymnasium, später eine Gesamtschule. Selbst eher politisch links orientiert, ohne aber in einer Partei aktiv zu werden, trifft er bald auf Claes Philip Osterkamp, den Sohn des örtlichen Bauunternehmers, mit dem er sich bald im Unterricht heftige Diskussionen liefert. Doch bald normalisiert sich beider Verhältnis, sie werden Freunde. Andere Schulkameraden sind Dörte, mit der er erste sexuelle Erfahrungen sammelt, ohne daß eine Bindung zur Diskussion stünde, und die Mitglieder einer Folkband, vor allem Isabella, in die sich Thomas verliebt. Nach dem Abitur studiert er in Braunschweig Architektur, eine Entscheidung, der auch Claes Philip folgen wird. Isabella allerdings macht eine Ausbildung zur Krankenschwester. Die Beziehung zu Isabella wird rasch enger, allerdings auch komplizierter. Denn mindestens Isabella hat auch andere Liebhaber. In dieser Zeit wird die gemeinsame Tochter geboren, die er nach der Trennung von Isabella weiterhin regelmäßig sieht. Nach dem Studium arbeitet Thomas in einer größeren Hamburger Firma, zeichnet Details wie Fenster oder Fassadenverzierungen. Claes Philip engagiert sich in der GAL (Grün – Alternative Liste) und gelangt bis ins Hamburger Rathaus. Hier gewinnt er Einfluß in den Fragen der Architektur und der Stadtplanung, arbeitet, just in der Wendezeit und im Jahr der Wiedervereinigung in einem eigens geschaffenen Beratergremium, zu dem auch Thomas geladen wird. Der allerdings ist dort eher Außenseiter und wird als Störenfried der etablierten Seilschaften bald nicht mehr hinzugezogen. Beruflich verschlägt es ihn zunächst nach Leipzig, wo er verantwortlicher Teamleiter seines Architektenbüros für Projekte der Altstadtsanierung wird. Doch erscheint ihm diese Tätigkeit, die mehr mit Schreib – und Verwaltungsarbeiten zu tun hat als mit kreativem Gestalten, ebenso sinnlos wie die ökonomischen Gesichtspunkten unterworfenen Gestaltungsprinzipien des dort vorzunehmenden Umbaus. Als ein ehemaliger Kommilitone, ein erfolgreicher Architekt, einen Mitarbeiter für Öffentlichkeitsarbeit sucht, nimmt Thomas die Gelegenheit wahr und wechselt endgültig aus dem kreativen Fach in den Managementbereich. Allerdings ist auch das nur bedingt befriedigend. In den USA öffnet sich eine neue Tür : er solle doch seine Erfahrungen als Kommunikationsmanager an dortige Architekturstudenten weitergeben. Thomas ist angetan, weiß aber, daß Elise nach Hamburg zurückkehren wird, und muß sich nun entscheiden….
Unverkennbar sind die autobiographischen Bezüge in diesem späten Debütroman des Kulturjournalisten, dessen Spezialgebiet allerdings nicht die Architektur, sondern die Photographie gewesen ist. Wie sein Protagonist allerdings ging er den Weg von eher fachlichen Arbeiten zur (autobiographisch geprägten) Literatur. Doch in erster Linie ist „Hamburger Hochbahn“ eine Darstellung der Gesellschaft der Bundesrepublik von den siebziger Jahren bis hin zur Wiedervereinigung 1990. Thomas und Claes Philip sind Kinder ihrer Zeit, enstammen gutbürgerlichen Verhältnissen und treiben beinahe willenlos auf den vorgezeichneten Pfaden, ohne wirklich bewußte und tragfähige Entscheidungen zu treffen. Wie die Hamburger Hochbahn sich oberhalb der Straßenzüge Hamburgs auf geraden Strecken mit nur wenigen, vorgegebenen Umsteigepunkten bewegt, passiert für Thomas das eigene Leben. Zwar ergreift er als Oberschüler für den Sozialismus Partei, diskutiert in seiner Studienzeit Niklas Luhmanns Systemtheorien, doch wird er weder ein Spät – Achtundsechziger, noch später ein Punk, sondern bleibt in den bürgerlichen Geleisen des Mittelstands. Etliche theoretische Diskurse bereichern oder beschweren eher dieses Buch, geben ihm aber dennoch eine gewisse Authentizität und Genauigkeit in der Abbildung der damaligen Wirklichkeit. Das Gefühl von Distanz, das einen beim Lesen des Romans ständig begleitet, rührt aber weniger von den theoretischen Erörterungen her als aus der Konstruktion und der Anlage des Buches. Die ausführlichen Passagen der Ich – Erzählung, die die Zeiten in Lüneburg, Braunschweig und Hamburg umfassen, sind gefiltert, reflektiert und bilanzierend Teile des Schreibprozesses von Thomas Romanprojekt. Zwar zeigen sich immer wieder ironische, manchmal zynische Zuspitzungen, wenn Thomas etwa die politischen Entscheidungsträger und die Diskussionsprozesse schildert, aber man vermisst während der ganzen Lektüre eine emotionale Unmittelbarkeit. Dies ist nun kein Versagen des Autors, sondern eher in der Figur des Protagonisten angelegt, denn einer der sich treiben läßt und treiben lassen kann, ohne wirklich Schaden zu nehmen, zeigt generell wohl selten emotionales Engagement, wiewohl er es gleichwohl empfinden mag. Auch ist das Bilanzieren, das Aufarbeiten zunächst ja eine Verstandesleistung. Und doch beläßt dieses Vorgehen auch den Leser in einer vielleicht nicht immer zuträglichen Distanz, einzig gefesselt von der stilistischen und gestalterischen Finesse des Autors und dem Faszinosum der geschilderten Zeiten, die wohl die meisten Leser aus eigener Anschauung miterlebt haben oder teilweise als noch sehr naheliegende Zeitgeschichte nachvollziehen können. Das Buch ist gut, klug konstruiert, gut und eloquent geschrieben, interessant und fordernd. Eine emotionale Bindung an das Buch, an den Stoff allerdings fällt schwer, sodaß es wohl nur in seltenen Fällen zu einem „Lieblingsbuch“ gekürt werden dürfte. Dennoch hat es seinen eigenen Reiz, der mich zur Lektüre – ohne schlechtes Gewissen übrigens – raten läßt.











