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Gelegentliche Mitteilungen aus meinem Bücherregal

Josef Winkler : Natura Morta

Verfasst von tinius am 8. Oktober 2008

In seiner Novelle „Natura Morta“ schildert der Autor Josef Winkler einige Ausschnitte aus dem Leben des jungen Fischverkäufers Piccoletto und dessen unvermittelten Unfalltod. An den Werktagen fährt der Sechzehnjährige mit der überfüllten U – Bahn zur Piazza Vittorio Emanuele, auf dem er als Gehilfe eines Fischhändlers arbeitet. Verkaufsstand drängt sich an Stand, fliegende Händler streichen durch die engen Gänge, verkaufen Kleidung oder Tand, Arme wühlen in den Abfällen, der Obst -, Fleisch – und Fischverkäufer und ergattern Überbleibsel in den unterschiedlichsten Verfallszuständen, während die Verkäufer ihre Waren möglichst verkaufsfördernd und für den Leser auf recht drastische Weise in den Auslagen drapieren. Rinderschädel werden gespalten, Schweine – und Schafsköpfe, Hühnerbeine und Innereien zentral präsentiert. Um die Stände herrscht ein dichtes und stetiges Gedränge von Käufern aus allen Kulturen, von Händlern und den Ärmsten der römischen Gesellschaft. Der jugendliche Piccoletto mit seinem feinen Gesicht, den Sommersprossen und seinen langen Wimpern wirkt an diesem Ort ebenso fehl am Platze wie als Blickfang. Vor allem für Frocio, den Chef des Jungen, der ansonsten seine Liebschaften unter Transvestiten sucht, mag letzteres gelten : er hat heimlich ein Auge auf den Jungen geworfen. Doch seine Annäherungsversuche bleiben zaghaft, eher symbolisch. An den Sonntagen jedoch arbeitet Piccoletto an einem anderen, aber nicht weniger von Menschen überfluteten Ort : in der Via di Porta Angelica, direkt am Eingang des Vatikan, hilft er seiner Mutter, Feigen an Pilger und Touristen zu verkaufen. Hier herrscht ein ebenso großes Gedränge wie auf dem Marktplatz. Straßenkinder, fliegende Händler mit Früchten, Eis, langen Hosen – da der Petersdom nur mit angemessener Bekleidung betreten werden darf – und Devotionalienverkäufer mischen sich in die endlose Schar der Jugendgruppen, Rombesucher, Nonnen und Pilger, die dieses Zentrum des Christentums besichtigen wollen. An einer Straßenecke findet sich in direkter Konkurrenz zum geistlichen Bauwerk mit seinen christlichen Insignien ein Laden für Andenken und Devotionalien. Für Piccoletto und einige andere ist dieser Vorplatz des Vatikans auch ein Ort des Flirts, des Anbandelns und des Taxierens sexueller Reize. Als Piccoletto eines Werktages wieder auf dem Wochenmarkt arbeitet, wird er von seinen Kollegen in eine nahegelegene Pizzeria geschickt, um für alle Essen zu holen. Als er auf die Bestellung wartet, beginnt ein starker Regen. Nachdem Piccoletto das Restaurant verlassen hat, wird er beim Überqueren der Straße von einem Einsatzfahrzeug der Feuerwehr erfasst und stirbt. Frocio trägt den Jungen quer über den Markt, fassungslos und beinahe den Verstand verlierend. Auch die anderen Händler, die an benachbarten Ständen verkauften und Piccoletto seit langem kennen, sind vollkommen entsetzt. Das geschäftige Treiben auf dem Marktplatz kommt für einen Augenblick zum Erliegen. Rettungsversuche allerdings bleiben vergeblich, Piccoletto ist unabänderlich tot. Frocio trauert so sehr, daß er an der Beerdigung nur unter der Einwirkung von Psychopharmaka teilnemen kann… .

Mehr als eine Erzählung scheint „Natura Morta“, zieht man die fast nur rudimentäre Handlung, die allenfalls angedeutete chronologische Abfolge in Betracht, ein Gemälde zu sein, auf das auch der Titel – ein anderer Begriff für Stilleben – hindeutet. Insbesondere den Stilleben des niederländischen Barocks, aber auch – wegen der im Text vermittelten unablässigen Bewegung, des Wimmelns, Brandens – den Höllenlandschaften des Hieronymus Bosch scheint dieses Prosabild verwandt. Mit kraftvoller, expressionistisch drastischer Sprache stellt Josef Winkler immer wieder Bilder des Todes, beinahe symbolisch überhöht, dem lebendigen Treiben auf dem Marktplatz, vor den Toren des Vatikan gegenüber. Er kontrastiert unablässige Bewegung, teils roh und urwüchsig wirkende Figuren mit Bildern des Zerfalls, der beginnenden Verwesung, Teilen von tierischen Kadavern. Darein mischen sich, wenn er seinen Blick auf den dem Marktplatz nicht unähnlichen Umkreis des Vatikan richtet, ebenso erwachende Sexualität mit den heimlich tastenden Blicken und der überall verkaufte religiöse Kitsch. Das Zentrum aber ist der Markt. Hier treffen sich die unterschiedlichsten Bewohner der Stadt : Drogenabhängige, Reiche in ihrer standesgemäßen Kleidung, Arme, die entweder die verbilligten Reste des Verkaufstages erwerben oder gleich die Abfälle durchsuchen müssen, Migranten von fremden Kontinenten, Zigeuner und Nonnen. Die ständige Bewegung, das Drängen und Schieben überträgt sich bis in die Erzählung, die unruhig vorangetrieben wird. Erst bei der Beerdigung von Piccoletto wird es ein Einhalten, eine Beruhigung geben. Da es gleichzeitig keine offen erkennbare chronologische Struktur gibt, verwendet Winkler – wie in einer Bildkomposition – eher formale Strukturen. Die gerade einmal 100 Seiten umfassende Novelle ist in sechs, relativ kurze Abschnitte gegliedert, denen jeweils Ausschnitte aus Gedichten von Giuseppe Ungaretti vorangestellt sind, in denen jener um seinen jung verstorbenen Sohn trauert und fragt, ob es einen Gott angesichts des Todes geben könne. Wie in einem Stilleben des niederländischen Barock existieren Leben und Tod nebeneinander, die Tierabfälle, Fleischstücke, das zertretene Obst gemahnen an die Endlichkeit des Lebens. Nun mag sich dieses „Memento Mori“ an jeden wenden, an die älteren oder durch Armut geschwächten, doch ist es der junge Piccoletto, der eigentlich sein Leben noch vor sich hätte haben sollen, der der Unberechenbarkeit des Todes zum Opfer fällt, was das Motiv in dieser Erzählung Winklers noch einmal verstärkt. Für den Leser, der sich der Sprachmächtigkeit, dem formalen Gestaltungswillen des Autors hingeben mag, ist diese Erzählung ein beeindruckendes Zeugnis der Möglichkeiten der Literatur, die hier dem Dichterischen ebenso nahekommt wie einem Gemälde. Dieses Buch ist intensiv und auf seine Art schön, vorausgesetzt, man ist angesichts manch drastischer Bilder nicht allzu empfindlich. Auch sollte man nicht unbedingt erwarten, sich mithilfe einer Handlung durch den Text bewegen zu können, sondern sollte Bilder und Sprache auf sich wirken lassen können.

3 Antworten zu “Josef Winkler : Natura Morta”

  1. toxea sagte

    Sehr treffende Darstellung, der ich in fast allen Punkten zustimme. Ich empfinde die drastischen Bilder, die Winkler verwendet, obwohl ich mich durchaus als empfindlich bezeichnen möchte, als heftig, berührend und mitunter auch irritierend, aber darin liegt auch die besondere Kraft seiner Sprache, denn sie geht unter die Haut, kriecht ins Hirn und entwickelt eine Bildhaftigkeit, der man sich nicht entziehen kann.

    Durchaus keine Lektüre für jeden Tag, aber immer wieder ein Erlebnis, wenn man – dieser Einschränkung würde ich auch vollkommen zustimmen – bereit ist, auf vertraute Erzählstrukturen zu verzichten.

  2. Ich halte dieses Buch für eines seiner Besten (zusammen mit „Friedhof der bitteren Orangen“ – obwohl beide Bücher streng genommen nicht vergleichbar sind). Die Pietà des verunfallten Mannes am Ende des Buches ist meisterhaft; dieses Bild werde ich (hoffentlich) nie mehr in meinem Leben vergessen.

    Unterschwellig ist immer Abscheu und Faszination des Religiösen gegenüber zu bemerken. Hier die exzessive, wilde, enthemmte, genussvolle Welt (auch der Sexualität)- dort das sakrale, ritualiserte „Angebot“. Diese Spannung in der Schwebe zu halten, gelingt Winkler auch ausserordentlich gut.

  3. Ich habe deine Rezension sehr gerne gelesen. Das „Drastische“ stört mich überhaupt nicht. Diese dichterische Sprache wiegt alles auf. Ich konnte sogar Humor daran finden, als Piccoletto mit seiner Vespa über Obstreste und Kadaver fuhr.

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