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Gelegentliche Mitteilungen aus meinem Bücherregal

Markus Orths : Lehrerzimmer

Verfasst von tinius am 14. Oktober 2008

Ungeduldig wartet Martin Kranich auf den Anruf der Schulbehörde. Denn ihm soll eine Stelle als Lehrer angewiesen werden. Sollte er den Anruf verpassen, ist die Chance vertan. Ihn, den Stuttgarter verschlägt es an ein Gymnasium in Göppingen, dessen Direktor gleich zu Beginn die Regeln bekanntgibt : in der Schule herrschen Angst, Jammer, Schein und Lüge, die Wahrheit ist inakzeptabel, der Direktor beinahe das Maß aller Dinge, gäbe es die Schulbehörde nicht, deren Machtfülle noch ein wenig größer ist als die des Direktors. Und Kranich, von nun an Beamter auf Probe, hat gleich einen schlechten Einstand, denn er lebt weiterhin in Stuttgart. Im Lehrerzimmer trifft er auf seine neuen Kollegen, den Medienwart, der im Filmraum übernachtet, nachdem ihn seine Frau der Wohnung verwiesen hat, die Geschichtslehrerin, die sich als wandelndes Lexikon geriert und in arge Schwierigkeiten gerät, als Kranich nach den Dioptrinwerten von Franz Josef Strauß fragt, den bei der Kurche angestellten Religionslehrer, dem Eltern vorwerfen, er beschäftige sich im Unterricht zu wenig mit der Bibel, die Fachbereichsleiterin im Fach Englisch, mit der er sich über die Auswahl des besten Lehrbuchs durchaus einig ist. Allerdings wird er später feststellen müssen, daß die Vertreter eines konkurrierenden Schulbuchverlages die besseren „Argumente“ haben, die sie großzügig an die Fachlehrer der Schule verteilen. Konferenzen runden den Arbeitstag ab. Hier herrscht Direktor Höllinger autoritär und unangreifbar. So installiert er einen kleinen Geheimdienst nach bekannten Vorbildern, um Versäumnisse im Umgang mit den Schlüsseln zu den Unterrichtsräumen nachzuweisen, gibt eine Richtlinie für die Umsetzung der Empfehlungen der „Großen Studie“ aus, die das schlechte Abschneiden deutscher Schulen auf mangelnde Gelegenheit zur Kreativität im Unterricht zurückgeführt hatte. Da nun die Gefahr bestünde, mangels allgemeingültiger Bewertungskriterien von unzufriedenen Eltern verklagt zu werden, müßten nun vom Kollegium eindeutige, normierte Kriterien entwickelt werden. Kranich findet nur wenig Unterstützung, nur ein Kollege greift helfend ein, als er sich vergeblich bemüht, ein Lehrbuch in der Lehrerbibliothek zu entleihen, ohne daß er den vorgeschriebenen Ausleihausweis vorweisen kann. Zu seinem Pech muß er auch in einer zehnten Klasse unterrichten, in der der Sohn des Direktors sitzt, der natürlich alle Ausfälle und Fehlleistungen seinem Vater weitererzählt. Sein ihm behilflicher Kollege lädt ihn zu einem Treffen ein : hier tagen nach Feierabend die wenigen „rebellischen“ Lehrer, die allerdngs nur verbal ihre Meinung kundtun, nicht aber wirklich aktiv werden, um bestehende Mißstände zu beseitigen. Sie preisen Bali, freie Kreativität und eine menschliche auf Schüler bezogene Schule als Ideal, wagen sich aber nicht zu mucken, wenn ihren Idealen entgegengesetzte Beschlüsse gefasst und umgesetzt werden. Nur einer fasst – nach reichlich Alkoholkonsum – einen folgenreichen Entschluß, der bald die Schulbehörde aktiv werden läßt. Und Kranich wird zu den Opfern von deren Reaktion gehören….

Markus Orths, der einst selbst im Lehrerberuf gearbeitet hatte, bevor er sich ausschließlich dem Schreiben widmete, legt mit „Lehrerzimmer“ eine bittere Abrechnung mit dem System Schule und der Tätigkeit von Lehrern vor. Er schildert ein Kollegium von angepassten Versagern, einen autokratischen Direktor, dessen Herrschaft längst die Strukturen einer Diktatur angenommen hat, den Einfluß nichtfachlicher Erwägungen und selbst von Bestechungsgeldern auf schulinterne Entscheidungen. Dies alles ist im Sinne einer Satire stark überzeichnet, dreht sich aber selten einmal ins Groteske. Sein Protagonist und Ich – Erzähler wird einem nicht wirklich sympathisch, denn er ist nach kürzester Zeit statt eines positiven und gegen die Verhältnisse angehenden Gegenbildes selbst einer der angepassten Duckmäuser, der sich auch den grenzwertigsten Zumutungen seines Direktors unterwirft. Wirklich komische Momente, ein satirisches Augenzwinkern gibt es in diesem Buch selten, die Bitterkeit scheint deutlich zu obsiegen, ebenso das Bemühen, die Mißstände als systemisch zu kennzeichnen und deren Wiedererkennungswert – zumindest für Angehörige des Lehrerberufes – zu bewahren. Dennoch folgt man dem Autor willig, liest die gut 150 Seiten ohne innere Widerstände. Zu verdanken ist das der funktionalen Gestaltung der episodischen Erlebnisse des Protagonisten, aber auch sämtlicher Figuren. Keine der Figuren wird über seine Funktionalität hinaus weiterentwickelt, gewinnt ein Eigenleben oder ein menschliches Gesicht, ebensowenig greift der Autor über die schmale Dimension des Schullebens hinaus, in dem – durchaus gewollt – Schüler allenfalls am Rande vorkommen, und gestaltet eine etwas umfassendere und lebendigere Welt. Diese Fokussierung auf Orths Thema mag der Form der Satire angemessen oder zumindest zuträglich sein, macht aber deren literarischen Wert – gerade im konkreten Fall von Orths „Lehrerzimmer – mindestens fragwürdig. Allerdings zieht sich der Streit über den Wertgehalt von Satiren schon seit der Antike quer durch die Jahrhunderte, und es war Horaz, der in seinen „Sermones“ – „Satiren“ (I / 4) sich geringer schätzte als die Dichter seiner Zeit. Ihm vermag ich, zumindest in diesem Fall, nicht zu widersprechen. Ob der Funktionalität der Erzählung, der Figuren, bleibt beim Leser die emotionale Beteiligung weitgehend auf der Strecke, das wesentliche Element der Illusion in jeglichem literarischen Werk scheint zugunsten der kognitiven Ansprache vernachlässigt. Dies hätte mit ein wenig mehr „Welthaftigkeit“ und einer spürbaren Dreidimensionalität der Figuren vermutlich behoben werden können. Und so wird, selbst bei engagierten Lehrern und Eltern, dieses Buch allenfalls ein affirmatives Nicken, nicht aber einen Aufschrei hervorrufen. Der literarisch interessierte Leser wird die Lebendigkeit oder die Fabulierkunst von Meisterwerken wie „Don Quichote“ oder „Gullivers Reisen“ schmerzlich vermissen, auch wenn ihm die Zeitbezüge mangels Zeitgenossenschaft um einiges fremder sein dürften. Allerdings habe ich mich mit Swifts satirischen Texten um einiges besser amüsiert als mit diesem Roman.

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